von MARLENA ABRIL WEGNER
Weiße, endlose Landschaften aus Eis und Schnee, gefrorene Meere – eine kalte Wüste. Das ist das Bild, das viele Menschen mit der Arktis verbinden. Doch unter der dicken Schneedecke verbirgt sich ein überraschend vielfältiges Leben: Moose, Flechten und sogar Blumen, die während des arktischen Sommers aufblühen.
Das Ökosystem in der Arktis nennt sich Tundra. Sie ist geprägt von langen, kalten Wintern und kurzen, kühlen Sommern. Typisch für die Tundra sind starke Winde – verursacht durch die flache Topografie, das Fehlen von natürlichen Windbarrieren und kalte Luftmassen. Die geringe Niederschlagsmenge von meist unter 250 Millimetern pro Jahr macht die Arktis zu einer Wüste. Eine weitere Besonderheit ist der Permafrostboden. Der Boden ist dauerhaft gefroren, lediglich im Sommer taut die oberste Schicht leicht an.
Trotz der harschen Bedingungen gibt es eine robuste, spezialisierte Vegetation. Allein auf Svalbard, einer Inselgruppe nördlich von Norwegen mit der größten Insel namens Spitzbergen, gedeihen etwa 750 Pilzarten, 700 Flechten, 370 Moose und über 200 Gefäßpflanzen-Arten. Sie sind mit die widerständigsten der Welt und enorm wichtig für das arktische Ökosystem – sie bilden etwa die Nahrungsgrundlage für Rentiere, Schneehasen, Moschusochsen und verschiedene Vogelarten, die in den Sommermonaten im Norden brüten.
Angepasste Arten
Arktische Pflanzen haben über Jahrtausende hinweg beeindruckende Strategien entwickelt, um unter extremen klimatischen Bedingungen zu überleben. Wer einmal in die Arktis reist – etwa nach Spitzbergen oder Grönland – wird schnell feststellen: Man kann weit schauen, denn es gibt keine hoch wachsenden Pflanzen. Zum Schutz vor Wind und Schneestürmen wachsen die Pflanzen dicht am Boden, häufig „geklumpt“ aneinander. Die dunkle Erde speichert im Sommer wertvolle Wärme und wirkt isolierend. Manche Pflanzenarten haben zudem einen natürlichen Wintermantel entwickelt. Feine Haare auf Blättern und Stämmen isolieren und schützen vor Kälte und Wind, wie beispielsweise beim Wolligen Läusekraut.
Ein weiterer Grund für die geringe Wuchshöhe arktischer Pflanzen ist der Permafrostboden. Er lässt keine tiefen Wurzeln zu – und wer nicht tief wurzeln kann, kann auch nicht hoch hinaus. Hinzu kommt, dass in kalten Regionen alle Stoffwechsel-Prozesse deutlich langsamer ablaufen. Wärme wirkt hier als Katalysator. Fehlt sie, dauert die Umsetzung von Nährstoffen wesentlich länger. Nährstoffe sind dadurch häufiger ein limitierender Faktor als in wärmeren Breitengraden.
Viele Pflanzenarten besitzen neben ihren unterirdischen auch oberirdische Wurzeln. Diese erleichtern die Aufnahme von Nährstoffen und Wasser und helfen der Pflanze, lange Trockenperioden zu überstehen. Studien zeigen außerdem, dass das Wurzelsystem oft durch ein Netzwerk mit Bodenpilzen erweitert wird. Diese Pilze können beispielsweise dabei helfen, Nährstoffe im Boden zu binden und der Pflanze zugänglich zu machen. Nicht nur die Wurzeln, auch Blätter und Stängel sind – gemessen an der Pflanzengröße – meist dick und kompakt. Dadurch können sie Wasser effizient speichern. Im Winter reduzieren viele Pflanzen zudem ihren Wassergehalt, um sich besser vor Frost zu schützen.





