von KLAUS JACOB
Im Januar 1912 veröffentlichte Alfred Wegener seine Theorie der Kontinentalverschiebung. Der Meteorologe und Polarforscher erschütterte damit die Vorstellung, dass unser Planet ein unbeweglicher Körper sei. Weil die Küstenlinien von Afrika und Südamerika wie Puzzleteile ineinanderpassen, so seine Überlegung, müssen die Kontinente einst zusammengehört haben. Das war eine verwegene These, denn man konnte sich damals nicht vorstellen, dass ganze Kontinente wandern. Die Erde galt als kompaktes, starres Gebilde, das sich allenfalls regional bewegt, etwa indem sie durch Abkühlung schrumpft wie ein trocknender Apfel.
Inzwischen ist man schlauer. Die ganze Erde ist in Bewegung, vom Kern bis zur Atmosphäre. Es gibt nirgendwo eine Verschnaufpause. Erst diese Dynamik ermöglichte es unserem Planeten, Leben hervorzubringen. Denn das ständige Umwälzen von Gestein sorgt immer wieder für Nachschub an lebenswichtigen Mineralien. Auch wir Menschen sind also letztlich von den Vorgängen im Erdinneren abhängig. Mehr noch: Man kann die Erde selbst als einen Organismus mit einem regen Stoffwechsel ansehen. Schon 1972 entwickelten Forscher die Gaia-Hypothese, die diese Idee aufgreift. Demnach ist alles auf der Erde aufeinander angewiesen und bildet einen lebendigen Körper.
Seismologische Daten
Aber wie kann man herausfinden, was sich tief in der Erde abspielt? Wie lässt sich die Dynamik entschlüsseln, die an einen Organismus erinnert? Für einen Arzt ist es relativ einfach, die Strukturen des menschlichen Körpers zu ergründen. Das medizinische Standardverfahren dafür ist das Röntgen. Dem entspricht in den Geowissenschaften die Seismologie. Ein starkes Erdbeben verursacht Erschütterungen, die sich als Wellen durch die ganze Erde ausbreiten. Fängt man die Wellen an mehreren Orten auf, können Geophysiker – mit erheblichem Aufwand – auf Strukturen im Erdinneren schließen. Denn die einzelnen Wellentypen verhalten sich unterschiedlich. Die schnellen Longitudinalwellen, die in ihre Ausbreitungsrichtung schwingen, dringen durch festes und flüssiges Gestein. Die langsameren Scherwellen, die quer zu ihrer Ausbreitungsrichtung schwingen, werden dagegen von flüssigem Magma verschluckt. Daneben verursachen Wechsel der Gesteinsstruktur Brechungen und Reflexionen. Auch die Temperatur beeinflusst die Wellen.
Aus den zahllosen Daten, die sich inzwischen angesammelt haben, hat sich ein grobes Bild des Erdinneren herauskristallisiert. Demnach unterscheidet man Kruste, Mantel und Kern. Der Erdkern ist wiederum zweigeteilt: in einen flüssigen äußeren Teil, der durch seine Strömungen das Magnetfeld erzeugt, und in einen festen inneren Teil, dem der hohe Druck seine Mobilität genommen hat. Der Erdmantel ist weder flüssig noch fest, sondern zäh wie ein ausgelutschter Kaugummi. Die Dynamik ist hier langsamer als die einer Schnecke, aber durchaus vorhanden. Im schnellen Zeitraffer, wenn Jahrmillionen zu Sekunden werden, geht es zu wie in einer Waschmaschinentrommel. Die Erdkruste ist dagegen so spröde, dass sich Gesteinspakete ineinander verhaken. Nach Jahren oder Jahrzehnten reißen diese Verbindungen und verursachen ein Erdbeben.





