Am 24. Juni 1945 feierte Moskau mit einer gigantischen Militärparade den Sieg der UdSSR im Großen Vaterländischen Krieg. Solda‧ten der Roten Armee türmten erbeutete deutsche Feldzeichen auf. Auf einem prachtvollen Schimmel nahm Marschall Georgi Konstantinowitsch Schukow den Vorbeimarsch der Truppen ab. Gemeinsam mit den Generälen Iwan Stepanowitsch Konjew und Konstantin Konstantinowitsch Rokossowski hatte er die Schlacht um Berlin geschlagen und für Stalin die Urkunde über die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht entgegengenommen. Generationen von Sowjetbürgern trugen fortan diese Bilder des Triumphs der Roten Armee und der Kommunistischen Partei über den Hitlerfaschismus im Gedächtnis.
Seit dem deutschen Überfall am 22. Juni 1941 hatte die Sowjetunion entsetzliche Zerstörungen erlitten. Weite Landstriche waren verwüstet und entvölkert, die Infrastruktur zerstört. Die Zahl der gefallenen Soldaten sowie der Menschen, die den systematischen Morden der Deutschen sowie Hunger und Kriegshandlungen zum Opfer fielen, wird man niemals genau ermitteln können. Wahrscheinlich hatte die UdSSR während des Zweiten Weltkriegs mehr als 26 Millionen Kriegstote zu beklagen, darunter zwischen acht und elf Millionen Soldaten. Nach 1945 brauchte die Sowjetunion in manchen Bereichen Jahrzehnte, um wieder das Vorkriegsniveau zu erreichen.
Dass sie im fast vierjährigen Krieg nicht unterging, war 1941 nicht abzusehen. Mit der Roten Armee stand der Wehrmacht zwar eine riesige Streitmacht von fast sechs Millionen Solda‧ten gegenüber, doch war es um ihre Kampfkraft nicht gut bestellt. Dies hatte der sowjetisch-finnische Winterkrieg 1939/40 offenbart, für die sowjetischen Streitkräfte die größte militärische Bewährungsprobe seit dem Bürgerkrieg. Stalin hatte befohlen, Finnland der UdSSR als Karelo-Finnische Sowjetrepublik einzugliedern. Den vom Kreml entsandten Truppen gelang es jedoch trotz großer zahlenmäßiger Überlegenheit zunächst nicht, die stark befestigte Mannerheim-Linie zwischen Ladogasee und Finnischem Meerbusen zu durchbrechen. Erhebliche Schwächen des sowjetischen Militärs traten zutage. Den Säuberungen Stalins in den 1930er Jahren war ein hoher Anteil des Offizierkorps zum Opfer gefallen. Politoffiziere kontrollierten und gängelten die Truppenführer bei ihren taktischen Entscheidungen. In Finnland zeigten sich gravierende Schwächen in der Ausbildung, der Man‧gel an automatischen Waffen und ein schlecht funktionierender Nachschub. Erst die Zuführung vieler neuer Divisionen ließ im Frühjahr 1940 die finnische Verteidigung zusammenbrechen. In einem am 12. März 1940 unterzeichneten Friedensvertrag konnte das kleine Finnland trotz Gebietsabtretungen seine Unabhängigkeit gegenüber der UdSSR wahren.
Als Reaktion auf das gerade noch vermiedene Debakel berief Stalin den Kommandeur des Militärbezirks Kiew, Semjon Konstantinowitsch Timoschenko, zum neuen Volkskommissar für Verteidigung. Dieser ging entschlossen daran, die sowjetischen Streitkräfte zu einer leistungsfähigen Armee umzubauen und aus der Bevormundung durch die Kommunistische Partei zu befreien. Mit Blick auf ihre Rüstung hoffte die UdSSR dabei unter anderem auf deutsche Technik. Vereinbarungen mit dem Deutschen Reich, zuletzt im Rahmen des Molotow-Ribbentrop-Pakts von 1939, schlossen umfangreiche Rüstungslieferungen an die UdSSR und im Gegenzug sowjetische Rohstofftransporte ein. Aber während die Sowjetunion ihre Verpflichtungen bis unmittelbar vor Kriegsausbruch 1941 erfüllte, verzögerte die deutsche Seite die Abgabe von Kriegsgerät und enthielt den sowjetischen Partnern nach Möglichkeit moderne Technik vor.




