Die Beiträge sind nicht nur für alle geschichtsinteressierten Heilbronner lesenswert, vielmehr geben sie auch für Nicht-Heilbronner interessante Einblicke in die Lebenswelt der 50er Jahre, das Lebensgefühl, die Einstellung zur Vergangenheit und die damaligen Hoffnungen und Erwartungen gegenüber der Zukunft. Die 50er Jahre, das wird in den Erzählungen der Zeitzeugen deutlich, hießen zeitgeschichtlich vor allem: Besatzung durch die Amerikaner und Wiederaufbau im aufkommenden Wirtschaftswunder, aber auch die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit sowie der Umgang mit den Flüchtlingen und Vertriebenen.
Für Heilbronn war das Jahrzehnt zwischen 1950 und 1960 deshalb so prägnant, weil die Stadt in diesem Zeitraum einen unglaublichen Wandlungsprozess durchmachte. Wie viele andere Städte wurde auch Heilbronn im 2. Weltkrieg massiv zerstört. Jede neue Straße, ja, wie sich ein Zeitzeuge erinnert, gar jede neue Ampel wurde von der Bevölkerung freudig aufgenommen, galt als Zeichen des Fortschritts. Ebenso der Grad der Motorisierung, der von Jahr zu Jahr merklich zunahm.
Besonders eindrucksvoll ist das Kapitel „Das Lebensgefühl der Nachkriegszeit“, in dem Heilbronner zu ihren Gedanken und Empfindungen befragt werden. Ihre Antworten werfen ein Schlaglicht auf die Heilbronner Stadtgeschichte und die aufwachsende Nachkriegsgeneration der jungen Bundesrepublik gleichermaßen. Insbesondere die Aufbruchsstimmung, die die jungen Leute nach dem Krieg erfasste, wird deutlich, etwa durch die Aussage eines Zeitzeugens: „Es gab in dieser Generation keinen Blick zurück, man sah nur nach vorn.“ Gleichzeitig zeigte sich aber auch die Kehrseite dieses Blickes „nach vorn“, nämlich der Hang zur Verschließung und Verdrängung des Vergangenen. Spannend ist insoweit das Kapitel „Zukunftshoffnung und Verdrängung – Grundhaltungen der Nachkriegszeit“, in dem auf die Verdrängungstendenzen der Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg Bezug genommen wird. Exemplarisch erscheint dazu die Aussage eines Heilbronner Bürgers, viele hätten „sich im Lauf der Zeit die Erinnerungen so zurechtgelegt, dass sie nicht mehr bedrohlich für das eigene Selbstwertgefühl waren“, wenngleich kollektiv damit eine politisch-moralische Aufarbeitung verhindert wurde, die noch mehrere Jahrzehnte auf sich warten ließ.
Hervorzuheben ist, dass im vorliegenden Band die 50er Jahre nicht losgelöst von der Gegenwart als historische Epoche betrachtet werden, sondern die Historie „in einen größeren, aktuellen Zusammenhang“ eingebettet wird. Dies gelingt insbesondere bei dem Thema Flüchtlinge und Heimatvertriebene, indem auf dieselben Herausforderungen heute wie damals verwiesen wird. Wer sich für Heilbronner Stadtgeschichte interessiert, für den ist die „Wissenspause 2016“ geradezu Pflichtlektüre. Aber auch für Geschichtsinteressierte ohne direkten „Heilbronn Bezug“ ist der Band lesenswert. Auf einen Wehrmutstropfen müssen sich beide Lesergruppen jedoch einrichten: An einigen Stellen muss man leider mit unvollständigen Sätzen vorlieb nehmen.




