Als Vereinigung von Kohlepreis und Seele zeichnete Robert Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ (1931/32) seine Romanfigur Paul Arnheim, die unverkennbar die Züge Walther Rathenaus trägt. Musil porträtiert damit die innere Widersprüchlichkeit, ja Zerrissenheit des Industriellen und Intellektuellen, der nach einem boshaften Ausspruch des Berliner Bankiers Carl Fürstenberg unter Bankiers als guter Schriftsteller, unter Schriftstellern aber als guter Bankier galt.
Tatsächlich war das Leben des 1867 in Berlin geborenen Walther Rathenau von inneren wie äußeren Widersprüchen geprägt. Bei der Suche nach seinem Standort in der wilhelminischen Gesellschaft geriet er in ein mehrschichtiges Spannungsverhältnis: Als Sohn des rasch zu einem der führenden deutschen Industriellen aufgestiegenen AEG-Gründers Emil Rathenau gehörte er der gesellschaftlichen Elite an; als Jude zählte er zu einer teils unmerklich, zuweilen demonstrativ ausgegrenzten Minderheit (die Demütigung, als Jude nicht zum Reserveleutnant befördert zu werden, verwand Rathenau nur schwer).
Einen zweiten Zwiespalt teilte er mit anderen Bürgersöhnen seiner Zeit: den zwischen Pflicht und Neigung, Geld und Geist. Sie unterschieden sich darin von ihren Vätern, den Pionieren des Gründerzeitalters, etwa August Borsig, Werner Siemens oder eben Emil Rathenau, die sich aus kleinen Anfängen emporarbeiteten und für die Beruf und Berufung zusammenfielen. Walther Rathenau entschied sich zwar gegen eine künstlerische Entwicklung und trat in die Firma seines Vaters ein, jedoch mit Widerstreben. Ein dritter Widerspruch schließlich betraf die Sehnsucht nach menschlicher Gemeinschaft bei gleichzeitiger Unfähigkeit zu sozialer Beziehung. Rathenau führte einerseits ein äußerst geselliges Leben, war gleichzeitig aber auch ein ungewöhnlich einsamer Mensch, dem enge menschliche Vertrautheit fremd blieb, der nie eine Gefährtin fand, nie eine Familie gründete.
Diese Gegensätzlichkeit prägte auch das Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihm machte. Zwar distanzierte er sich später von der schroffen Radikalität seines Artikels „Höre, Israel!“ (1897), in dem er zur Selbstaufgabe des Judentums aufforderte, gegen die Demütigung des wachsenden Antisemitismus im Kaiserreich aber setzte er weiterhin das Bekenntnis des jüdischen Deutschen zu den kulturellen Idealen und Werten der preußischen Vergangenheit. 1899 trat Rathenau in das Direktorium der AEG und 1902 in den Vorstand der Berliner Handelsgesellschaft ein; nach dem Tod des Vaters 1915 stieg er zum Präsidenten der AEG auf. Für seine Zeitgenossen war er schwer einzuordnen. In seinen Überzeugungen als homo academicus brüskierte er bevorzugt die Kreise, zu denen er als homo oeconomicus selbst gehörte. So dachten nicht nur zahlreiche Gegner. Wenig anders urteilte der Rathenau freundschaftlich verbundene Stefan Zweig: „… er war Kaufmann und wollte sich als Künstler fühlen, er besaß Millionen und spielte mit sozialistischen Ideen, er empfand sich als Jude und kokettierte mit Christus. Er dachte international und vergötterte das Preußentum …“




