Mit dieser wissenschaftlichen Wirkungslinie ist eine andere verflochten, die diametral entgegensetzt zu sein scheint: Der Orientalist und Theologe, der im Dienst der Wissenschaft strenge Methodik forderte, kannte als Gesellschaftskritiker keine Scheu, sich eine Allkompetenz zur Erklärung der Welt zuzusprechen. Er wusste, was die deutsche Nation zusammenhält und woran sie krankte, er wusste, dass die Religionen versagt hatten und nur eine Religion der Zukunft die Menschen retten kann, vor allem aber wusste er, dass Judentum und Liberalismus eine unheilvolle Moderne geschaffen hatten, die vernichtet werden muss, um Zukunft zu ermöglichen. Seine mit biologistischen Metaphern durchsetzte, religiös motivierte Feindschaft gegen die Moderne, wie er sie verstand, erscheint im Rückblick als unvereinbar mit dem wissenschaft‧lichen Ethos, das er für sich beanspruchte. Doch es war sein Status als Wissenschaftler, durch den er sich zur Gegenwartsverdammung legitimiert wähnte, und viele Menschen folgten ihm darin – nicht nur in seiner Lebenszeit. Die Nachwelt brach sich aus dem Werk dieses „Propheten des Deutschtums“ her-aus, was ihr geeignet schien.
Diese Gegensätze im Leben und im Wirken des Paul de Lagarde nicht zu verschweigen, macht den Reiz des Werks von Ulrich Sieg aus.
Rezension: Langewiesche, Dieter




