Für Deutschland untersucht Golczewski die Aktivitäten und Überlegungen der Regierung und einflussreiche Diskurse über die Ukraine in der zeitgenössischen Publizistik. Es ist oft schwer zu sagen, wer für „die Ukraine“ steht. Wir haben es hier mit verschiedenen Exilregierungen, politischen Organisationen und Akteuren zu tun, die alle beanspruchten, die ukrainischen Interessen zu vertreten. Dies erklärt die mosaikartige Struktur des Buchs, das das überkommene Geschichtsbild in einigen Punkten korrigiert.
Golczewski weist beispielsweise nach, dass die Ukraine in deutschen Konzeptionen vor dem Ersten Weltkrieg kaum ei‧ne Rolle gespielt hat. Er wendet sich überzeugend gegen Kontinuitätskonstruktionen, die eine gerade Linie zwischen Expansionsvorstellungen vor dem Ersten Weltkrieg über die deutschen Kriegsziele bis zum nationalsozialistischen Generalplan Ost ziehen. In den ersten beiden Jahren des Kriegs spielte die Ukraine, verglichen mit dem Baltikum, eine nur untergeordnete Rolle. Diese Zurückhaltung änderte sich erst mit den Erfolgen an der Ostfront und mit den beiden russischen Revolutionen 1917.
In der Zwischenkriegszeit wurde die Ukraine-Politik der Polen- und Russland-Politik untergeordnet. Doch versuchten deutsche Stellen, die ukrainischen Emigrantengruppen für alle Fälle in der Hinterhand zu behalten. Erst seit 1938 fand eine weitgehende Verengung auf die Unterstützung der militanten „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN) statt. Die ukrainischen Politiker hatten nicht viele Bündnisoptionen und sahen sich trotz aller Enttäuschungen immer wieder auf Deutschland zurückgeworfen.
Golczewski hat eine akribisch recherchierte, geradezu enzyklopädische Studie vorgelegt. Zwar fehlt ein Register, doch das detaillierte Inhaltsverzeichnis hilft dem Leser, sich zurechtzufinden. Das Buch wird weniger eine breite Leserschaft ansprechen, dafür aber sicher eine wichtige Rolle als Nachschlagewerk für Historiker spielen, die sich mit ukrainischem Nationalismus und deutschen Osteuropa-Konzeptionen befassen.
Rezension: Prof. Dr. Christoph Mick




