Diese Annahme stellt die preisgekrönte Dissertation Hannah Ahlheims in mehrfacher Hinsicht in Frage: Zum einen zeigt sie, dass Boykotte bereits in der Zeit der Weimarer Republik zu den alltäglichen Erscheinungsformen eines weitverbreiteten gesellschaftlichen Antisemitismus gehörten. Sie waren meistens nicht zentral organisiert, sondern verliefen von unten nach oben. Zudem äußerten sie sich in einer Weise, die nicht immer von Straßengewalt begleitet war: Auch die stillschweigende Übereinkunft in manchen Branchen oder Regionen, jüdische Bewerber nicht einzustellen, oder die gezielte Selbstanpreisung als „deutsches“ oder „christliches“ Geschäft repräsentierten eine Variante der antijüdischen Boykotte.
Zwar markierte die NS-Machtübernahme 1933 insofern einen wichtigen Einschnitt für die Boykottbewegung, als nunmehr der Antisemitismus in den Rang einer Staatsideologie erhoben wurde. Viele Erscheinungsformen der Boykottbewegung änderten sich jedoch nicht fundamental, und gerade ihr Charakter „von unten“ führte in den ersten Jahren nach 1933 zu lokal höchst unterschiedlichen Situationen und Ausprägungen.
Immer wieder weist die Verfasserin zu Recht darauf hin, dass der „Erfolg“ der Boykottbewegung nicht allein an der konkreten Verdrängung aus dem Wirtschaftsleben zu messen ist. Zu den größten Vorzügen ihres lesenswerten Buches gehört es, dass sie die Perspektive der betroffenen Juden intensiv einbezieht und dadurch die psychologischen Folgen der Boykottaktivitäten nachzeichnen kann, die im alltäglichen Raum eine Trennung von „Deutschen“ und „Juden“ herbeiführten und damit die schnelle gesellschaftliche Ausgrenzung der Juden nach 1933 maßgeblich beförderten.
Rezension: PD Dr. Frank Bajohr




