Deutschland ist bekanntlich das europäische Land mit den meisten direkten Nachbarn – mit neun anderen Ländern teilt es eine Landgrenze. Mit etwas topographischer Großzügigkeit können wir Schweden als zehnten Nachbarn reklamieren, sind es auf der Fährstrecke von Sassnitz nach Trelleborg doch gerade einmal rund 100 Kilometer. Der Skandinavist Henry Werner hat eine schön lesbare Geschichte des Miteinanders der beiden etwas entfernten Nachbarn geschrieben; es ist im Großen und Ganzen eine positive Storyline.
Intensive wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zwischen Deutschen und Schweden bestanden mit der Dominanz der Hanse schon in einer Epoche, als Schweden noch kein selbstständiges Staatswesen war, sondern in der Kalmarer Union unter dänischer Oberherrschaft stand. Schon vorher hatten deutsche Kaufmannskolonien maßgeblich zu Stadtgründungen, zuvörderst von Stockholm (wo ab dem 14. Jahrhundert einer der beiden Bürgermeister deutsch sein musste) und Kalmar, beigetragen.
Der Gründer des neuzeitlichen Schweden, Gustav Eriksson Wasa, erfreute sich bei seinem Unabhängigkeitskampf gegen die dänische Krone des großzügigen Sponsorings durch die Hansestadt Lübeck, die ihm auch Asyl gewährt hatte. Nach der (Neu-) Gründung Schwedens 1523 öffnete Wasa das Land nicht nur dem Einfluss der Reformation und ihrer Verkünder, sondern hatte auch Deutsche als engste Berater wie seinen Reichskanzler Conrad von Pyhy (eigentlich: Peutinger), der allerdings in Ungnade fiel und seine letzten Lebensjahre als Gefangener auf Schloss Västerås verbringen musste.
Gewaltgeprägt war das Verhältnis von Schweden zu Deutschen fast ausschließlich während stormaktstiden, der schwedischen Großmachtzeit. Schwedens Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg wurde bis in die jüngere Vergangenheit hierzulande je nach Konfession sehr unterschiedlich rezipiert: Das protestantische Deutschland würdigte Gustav II. Adolf als Kämpfer und Märtyrer der Glaubensfreiheit, das katholische Deutschland pflegte eher die Erinnerung an schwedische Gräueltaten während dieses Konflikts.
Seit 1814 genießt Schweden äußeren – und auch in für europäische Verhältnisse überdurchschnittlichem Maße inneren – Frieden, was entscheidend zu guten Beziehungen und einem guten Image des jeweils anderen beitrug. Während der schlimmsten zwölf Jahre der deutschen Geschichte gelang der Koalitionsregierung des ab 1940 von allen Seiten von Achsenmächten umgebenen Schweden unter dem Sozialdemokraten Per Albin Hansson nicht nur die Wahrung der Neutralität, sondern auch der schwedischen Souveränität, Freiheit und Demokratie. Der Preis war unter anderem die Erlaubnis, nach massivem deutschen Druck zu Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ im Juni 1941 einem deutschen Truppenkontingent den Bahntransport von Norwegen nach Finnland über schwedisches Territorium zu erlauben – es blieb engångseftergiften, ein einmaliges Nachgeben, ohne das Schweden möglicherweise das Schicksal seiner nordischen Nachbarn geteilt hätte.
So überlebte das liberale Schweden, das Willy Brandt Asyl gab und 1943 nach einer „beispiellosen humanitären Aktion“ (Werner) 90 Prozent der dänischen Juden – nach ihrer Flucht in kleinen Booten über den Sund – aufnahm. Es war dieses humanitäre Land, das nach Ende des Krieges im besiegten Deutschland die „Schwedenspeisungen“ für deutsche Kinder organisierte, obwohl Lebensmittel auch in Schweden rationiert waren.
Rezension: Dr. Dr. Ronald D. Gerste
Henry Werner
Schweden und Deutschland
Eine Beziehungsgeschichte von den Wikingern bis heute
BeBra Verlag, Berlin 2025, 192 Seiten, € 18,–




