Peter Ustinov wartete im Garten von Indira Gandhis Haus mit einem Fernsehteam. Er sollte keine Gelegenheit mehr zu dem geplanten Interview haben, denn kurz zuvor trafen Indira Gandhi an diesem 31. Oktober 1984 die Schüsse ihrer Leibwächter. Es waren Sikhs, die sich für den Angriff auf den Goldenen Tempel ihrer Religionsgemeinschaft rächen wollten, den Indira Gandhi befohlen hatte. Die Mörder gehörten einer Eliteeinheit der indischen Polizei an und dienten der Premierministerin bereits längere Zeit. Man hatte ihr dringend geraten, sie durch andere Leibwächter zu ersetzen, aber sie hatte das abgelehnt. Es wäre ihr als Feigheit erschienen. Sie zeichnete sich durch großen Mut aus und war nie einer Gefahr ausgewichen. Es wird gesagt, ihr Horoskop habe ihr ein gewaltsames Lebensende vorausge?sagt. Sie sah dem gefaßt entgegen und hatte sich durch die Prophezeiung nie beirren lassen. Wie war es dazu gekommen, daß die Sikhs Indira Gandhi bis auf den Tod haßten? Die Reli?gionsgemeinschaft der Sikhs umfaßt zwar weniger als drei Prozent der indischen Bevölkerung, spielte in der indischen Geschichte aber über Jahrhunderte hinweg eine bedeutsame Rolle. Der Gründer der Gemeinschaft, Guru (Meister) Nanak, lebte von 1469 bis 1539. Um ihn scharten sich Schüler (Sanskrit shishya, wovon sich sikh ableitet). Nanak war ein mystischer Dichter, der an ein höheres Wesen glaubte, das in keiner irdischen Form verehrt werden sollte. Seine Gedichte bilden den Grundstock des „Adi Granth“, des heiligen Buchs der Sikhs. Auf Nanak folgten neun Gurus, die die Religionsgemeinschaft der Sikhs zu einem streitbaren Orden ausbauten, der den indischen Großmoguln, einer muslimischen Dynastie türkisch-mongolischer Herrscher (1526–1858), Widerstand leistete.
Hindus und Sikhs lebten friedlich miteinander, oft wurde der älteste Sohn einer Hindufamilie aufgrund eines Gelübdes seiner Mutter Sikh. Unter den Briten erlangten die Sikhs große Bedeutung, denn sie retteten diese beim indischen Aufstand von 1857. Danach wurden viele von ihnen für die britisch-indische Armee rekrutiert. In den beiden Weltkriegen kämpften sie tapfer an der Seite der Briten, doch bei der Teilung Indiens 1947, die mitten durch ihre Siedlungsgebiete ging, nahm man keine Rücksicht auf sie. Die Sikhs flüchteten nach Indien, verloren dort aber ihre Sonderstellung in der Armee, weil der indische Staat auch andere Volksgruppen an den begehrten Stellen im Berufsheer teilhaben lassen mußte. Immerhin ist noch heute jeder fünfte der indischen Offiziere ein Sikh. Mit Manmohan Singh wurde 2004 erstmals ein Sikh Premierminister Indiens.
Sikhs trifft man heute überall auf der Welt und auch in allen Teilen Indiens; bevorzugt siedelten sie nach der Teilung aber im indischen Ost-Pandschab, in dem Amritsar mit dem Goldenen Tempel liegt. Auch hier blieben sie eine Minderheit. Zwar wurden nach 1955 viele Bundesländer nach Sprachregionen neu aufgeteilt, doch konnten Religionsgemeinschaften keinen Anspruch auf eigene Bundesländer erheben. Daher beanspruchten die Sikhs mit dem Hinweis, sie sprächen Pandschabi und schrieben dies sogar in einer eigenen Schrift, dem Gurmukhi, den Pandschab als eigene Sprachprovinz. Der erste indische Ministerpräsident Jawaharlal Nehru lehnte diese Forderung ab. Er fand in dem Sikh Pratap Singh Kairon einen starken Statthalter, der jahrelang Regierungschef des Pan?dschab war, dann aber von Sikhs ermordet wurde. Erst Nehrus Tochter Indira Gandhi kam den Sikhs entgegen, als sie 1966 Premierministerin wurde. Der südliche Pandschab wurde unter dem Namen Haryana ein neues zur Hindi-Sprachregion gehörendes Bundesland. Aber auch der verbleibende Pandschab war kein reiner Sikh-Staat; rund 40 Prozent der Bevölkerung waren Hindus. Die Sikh-Partei Akali Dal hatte es daher schwer, an die Macht zu kommen, zumal Sikhs auch weiterhin anderen Parteien angehörten.




