EINE KLEINE REVOLUTION der Zahnmedizin erwarteten die Entwickler. Der Besuch beim Zahnarzt wird angenehmer, freuten sich die Patienten. So waren schon 1999, noch vor der offiziellen Zulassung des „chemischen Bohrers” Carisolv in Deutschland, das Medienecho und die Erwartungen gewaltig: Statt eine kariöse Stelle mit dem Bohrer zu entfernen, sollte der Zahnarzt künftig ganz einfach ein Gel aus Aminosäuren und der desinfizierenden Substanz Natriumhypochlorit auftragen – und nach kurzer Einwirkzeit die Karies per Hand wegschaben. Die Idee war gut, der Markt war da. Doch nach wie vor rotiert in der deutschen Zahnarztpraxis der Bohrer.
Dass es ganz ohne Bohren sowieso nie gehen würde, hatte schon Dan Ericson – einer der Mitentwickler von Carisolv – in bild der wissenschaft angekündigt (Heft 10/1998, „Bissfest”): Bei tief sitzender Karies müsse erst ein Zugang durch den Zahnschmelz gebohrt werden, bevor das Gel zum Einsatz kommen könne. Und Matthias Kern vom Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in Kiel hatte im gleichen Artikel zu bedenken gegeben: Die Methode sei noch nicht ausreichend wissenschaftlich geprüft – man könne nicht mit Sicherheit davon ausgehen, dass auch der letzte Rest Karies durch Carisolv entfernen werde. Doch an keinem von beiden Kritikpunkten ist der zahnmedizinische Heilsbringer gescheitert.
Klaus Ott vom Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in Münster, gleichzeitig Direktor der Poliklinik für Zahnerhalt, und sein Kollege Till Dammaschke haben mehrere Studien mit Carisolv gemacht. Sie haben unter anderem die Effektivität des Gels mit der eines konventionellen Bohrers („Rosenbohrer”) verglichen, der üblicherweise zur Karies-Entfernung aus dem Inneren des Zahns (Dentin) dient. Beide können dem Gel fast nur Gutes bescheinigen. Dammaschke: „Alle Studien haben gezeigt, dass der Zahnarzt mittels Carisolv Dentin-Karies ausreichend und vollständig entfernen kann. Beim Rosenbohrer hingegen besteht die Gefahr, zu viel Dentin abzutragen.” Negative Begleiterscheinungen bei der Carisolv-Behandlung seien nicht bekannt.
Warum also greift – angesichts eines so positiven Urteils über Carisolv – der Zahnarzt bei Karies immer noch ganz selbstverständlich zum Bohrer und nicht zur Gel-Tube? Kenneth Sternberg sagt, es liege bloß am Geld. Der Geschäftsführer der Göteborger Firma OraSolv, die das Patent für Carisolv hält, murrt: „Das Mittel wird nicht von den Kassen bezahlt, das ist das Problem.” Die Patienten müssen pro Zahn 20 bis 30 Euro zuschießen, da die Krankenkassen zwar die anschließende Füllung des ausgeschabten Hohlraums bezahlen, aber nicht die Carisolv-Behandlung selbst. Außerdem muss der Zahnarzt zusätzlich zum Gel auch die Instrumente zur Ausschabung der Karies anschaffen. Pro Set sind rund 240 Euro fällig.
Was Sternberg nicht erwähnt: „Die Ausräumung dauert einfach zu lange”, klärt Till Dammaschke auf. „Man kann den Kassenpatienten in Deutschland den zeitlichen Mehraufwand nicht in Rechnung stellen. So wird jede Carisolv-Behandlung für den Zahnarzt zum Zuschussgeschäft.” Darum ist Carisolv fast vollständig vom deutschen Markt verschwunden, obwohl der Slogan von der „ minimal-invasiven, selektiven und punktgenauen” Behandlungsmethode stimmt. Das Unternehmen GLS-Logistik, der einzige Anbieter des Gels in Deutschland, verkauft derzeit nur noch rund 50 Packungen pro Jahr. Schulungen zum korrekten Einsatz von Carisolv werden nicht mehr angeboten. Das Wunder-Gel hat keine Revolution gebracht, und das Medienecho von einst wird längst übertönt – vom Sirren der Bohrer. Livia Rasche■





