Ein Ziel war für den deutschen Außenminister zentral: „das Freiwerden deutschen Landes von fremder Besatzung. Deshalb wird die deutsche Politik, wie Metternich von Österreich wohl nach 1809 sagte, in dieser Beziehung zunächst darin bestehen müssen, zu finassieren und den großen Entscheidungen auszuweichen“. Das schrieb Gustav Stresemann am 7. September 1925 an den Sohn des letzten Deutschen Kaisers, den ehemaligen Kronprinzen Wilhelm. Gab die Napoleonische Zeit ein Modell ab für die erwünschte Entwicklung der Weimarer Republik: Mobilisierung des Volkes und dann Befreiungskrieg gegen den Tyrannen? Das doch wohl kaum, aber das Zitat deutet an, welchen Erwartungen sich Politiker gegenüber der nationalen Rechten stellen mußten, und dies tat auch der wohl bedeutendste Politiker dieser Jahre. Welche Erfolge er auch immer aushandelte und verzeichnen konnte, wurde er aus dieser Richtung kritisiert. Zu wenig, zu spät, lauteten die Vorwürfe derer, denen die ganze Linie nicht paßte.
Als der deutsche Außenminister der Jahre 1923 bis 1929 den zitierten Brief schrieb, war der Erste Weltkrieg noch nicht einmal sieben Jahre vorbei, von dem die meisten Deutschen in grandioser Realitätsverweigerung glaubten, er sei gar nicht militärisch verloren gewesen, und wenn doch, dann seien die Kriegsgegner verpflichtet gewesen, daraus nachträglich gleichsam ein Unentschieden zu machen. Dabei stützte man sich gern auf ein angeblich gegebenes Versprechen des US-Präsidenten Woodrow Wilson, der im Selbstbestimmungsrecht der Völker allerdings eine regulative Idee gesehen hatte. Über diesen Frieden hatte es heftige Debatten unter den Alliierten gegeben. Zumal in Frankreich sorgte man sich, daß man um die Früchte des Sieges betrogen werde, wenn die deutsche Gefahr an der Ostgrenze nicht möglichst dauerhaft beseitigt wurde. Daher hatte der Versailler Frieden letztlich einen Kompromiß unter den Hauptalliierten dargestellt.
Im Deutschen Reich vermochten das die wenigsten anzuerkennen. In Sorge vor einer Wiederaufnahme des Kriegs und einem anschließenden Zerbrechen des Reichs unterzeichneten schließlich am 28. Juni 1919 der Sozialdemokrat Hermann Müller und der Zentrumspolitiker Johannes Bell den Friedensvertrag in Versailles. In den heißen Debatten zuvor hatte Gustav Stresemann noch am 12. Mai 1919 verkündet: „Es ist möglich, daß wir zugrunde gehen, wenn wir den Vertrag nicht unterschreiben. Aber wir alle haben die Empfindung: es ist sicher, daß wir zugrunde gehen, wenn wir ihn unterzeichnen.“
Starke Worte, gewiß. Spielte der Gedanke an einen Befreiungskrieg und möglichen Untergang für die Ehre nicht doch eine größere Rolle für Stresemann? Hatte der Wolf in den nachfolgenden Jahren nur Kreide gefressen, war aus einem Saulus ein Paulus geworden? Stresemann war bis 1918 ein nationalliberaler Politiker gewesen, der zwar nachdrücklich für innere Reformen und Partizipation eingetreten war. Im Krieg hatte er aber zu den rabiaten Annexionisten gehört, die einer deutschen Macht- und Gebietserweiterung das Wort geredet hatten.




