Das Wort „mäandern“ drückt aus, dass sich etwas in Windungen bewegt, und es leitet sich vom Namen des türkischen Flusses Mäander ab, der einem höchst kurvenreichen Verlauf folgt. Warum – so fragte sich Einstein – tendieren Wasserläufe dazu, sich in Schlangenlinien zu krümmen, statt einfach dem Gefälle des Geländes zu folgen? Und warum zeigen Flüsse der nördlichen Erdhälfte die Tendenz, vorwiegend auf der rechten Seite zu erodieren, während sich auf der Südhalbkugel das Umgekehrte zeigt?
Einstein beginnt seine Überlegungen zu diesen Fragen unter der Vorgabe, dass die Verteilung der Geschwindigkeit des Wassers im Flussquerschnitt für das Beobachtete maßgeblich ist. Um diese herauszufinden, denkt er über das Verhalten von Teeblättchen nach, die in einem Glas umgerührt werden und sich dabei zur Mitte des flachen Bodens hinbewegen.
Einstein war bei diesem Teetassenphänomen übrigens von dem Nobelpreisträger Erwin Schrödinger um Hilfe gebeten worden, dessen Frau sich über den Weg der Blättchen in ihrem Glas gewundert hatte, ohne sie erklärt zu bekommen. Einstein freute sich, der Dame zu helfen, und er analysierte Winkelgeschwindigkeiten des Umlaufs und Zentrifugalkräfte in Bodennähe, um zuletzt dank der Hydrodynamik eine Strömungsverteilung angeben zu können, die ihm zu schreiben erlaubte: „Damit haben wir die Ursache der Mäanderbewegung aufgeklärt.“
Es ist erstaunlich, wie es Einstein gelingt, von einer engen Teetasse im Wohnzimmer ausgehend den weiten Weg des Wassers auf der Erde zu verstehen, wobei hier die immer noch lesenswerten Details ausgespart werden, um auf eine Publikation zur Mäanderbewegung von Flüssen im Magazin Science hinweisen zu können, die in jüngster Zeit erschienen ist: „Vegetation steers a river´s path“ (Science 28.8.25, S. 879). Deren Autoren haben offenbar nie etwas von Einstein gehört oder gelesen. Denn die Forschergruppe mit Mitgliedern aus Italien, den USA und Kanada versucht die weltweit beobachtete Flussdynamik mit ihren vielen Windungen ohne jeden Blick auf Wasserzirkulation und die vielen inneren Reibungen von Strömungen allein durch die Vegetation am Flussufer und die Evolution der dort zu findenden Pflanzen zu erklären. Zu diesem Schritt waren sie ermutigt worden, nachdem man im Erdaltertum (Paläozoikum) vor dem Aufkommen von Landpflanzen keine mäandrierenden Wasserströme aufspüren konnte. Dieser Befund passt allerdings nicht so recht zu der Entdeckung von mäandrierenden Kanälen auf dem vegetationsfreien Mars oder von Mäandern in sehr trockenen und unbewachsenen Regionen der Erde. Und so haben die Erforscher der sich windenden Flussläufe noch viel Arbeit vor sich. Sie sollten sich eine Pause mit einer Tasse Tee gönnen und nach dem Umrühren den nach unten schwebenden Blättchen zusehen.





