Am 26. September 1996 zogen die Truppen der Taliban in Kabul ein. Die Koranschüler hatten sich zweieinhalb Jahre zuvor auf den Weg gemacht, Afghanistan ihren archaischen Vorstellungen einer islamischen Gesellschaft zu unterwerfen. Doch erst jetzt traten sie in das Bewußtsein der Weltöffentlichkeit. Die Einnahme der Hauptstadt sollte für die junge Bewegung zu einem militärischen und politischen Prüfstein werden: Würde es ihnen gelingen, den Rest des Landes zu erobern und den seit dem Fall des kommunistischen Regimes andauernden Bürgerkrieg zu beenden? Würden sie darüber hinaus die Fähigkeit besitzen, als neue Machthaber eine gesamtafghanische Lösung für das politisch und ethnisch zerrissene Land herbeizuführen?
Der Eroberung Kabuls war im März 1996 eine mehrtägige Versammlung der Taliban in Kandahar vorausgegangen. Mullah Mohammed Omar, der Anführer der Taliban, hatte über 1000 Reli‧gionsgelehrte eingeladen, um über die Zukunft seiner Bewegung zu beraten. Das Treffen endete mit einer eindeutigen Botschaft: Es sollten keine Kompromisse mit anderen Kriegsherren geschlossen werden, und das vorrangige Ziel war der Fall der Kabuler Regierung. Am letzten Tag des Treffens ließ sich Mullah Omar von den Anwesenden zum Amir al-Muminin, zum Befehlshaber aller Gläubigen, küren. Unter den Taliban erzielte die feierliche Zeremonie die gewünschte Wirkung. Mullah Omar zementierte sein Image als heiliger Religionsführer und bestärkte damit seine Anhänger in dem Glauben, den wahren Islam zu vertreten und einen moralischen Anspruch auf die Vorherrschaft in Afghanistan zu besitzen. Diese Vorherrschaft aber beanspruchten auch die anderen Bürgerkriegsparteien.
Der afghanische Bürgerkrieg hatte mit dem Sturz Mohammed Nadschibullahs, des Führers der kommunistischen Partei, begonnen. Nachdem die sowjetischen Besatzer 1989 abgezogen waren, hatte sich Nadschibullah noch drei Jahre in Kabul halten können. 1992 fiel die Hauptstadt an die Mudschahedin-Parteien, die zuvor gegen die so-wjetische Besatzungsmacht gekämpft hatten. Der Tadschike Burhanuddin Rabbani, Führer der Jamiat-i Islami, sicherte sich mit Hilfe des berühmten Kommandanten Achmed Schah Massud das Präsidentenamt. Doch erkannten die anderen Parteien Rabbanis Machtanspruch nicht an. In den folgenden Jahren beschleunigte sich ein Prozeß, den der amerikanische Politologe Barnett Rubin als „Fragmentierung Afghanistans“ bezeichnet hat. Die Machtfrage führte Afghanistan in einen blutigen Bürgerkrieg, der das Land in Einflußsphären einzelner Warlords spaltete. So kontrollierte der Usbeke Raschid Dostum den Norden und die Partei der schiitischen Hazara Zentralafghanistan. Vor allem die Hauptstadt Kabul, die bis dahin von Kampfhandlungen verschont geblieben war, wurde nun zum umkämpften Ziel der Konfliktparteien. Ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung legten diese die einst prosperierende Stadt in Trümmer.
Auch im Süden, wo eine Vielzahl kleinerer Kriegsherren herrschte, litt die Bevölkerung unter der Willkür und den Schikanen der lokalen Milizen. Dort, in der Provinz Kandahar, waren im Frühjahr 1994 erstmals die Taliban in Erscheinung getreten. Mullah Mohammed Omar, ein Dorfmullah und Mudschahedin-Veteran, hatte die Bewegung ins Leben gerufen. Ziel war es, Afghanistan vom Joch der Kriegsherren zu befreien und eine Gesellschaft nach dem Vorbild frühislami-scher Zeit zu errichten. Entgegen der weitläufigen Meinung waren die Taliban aber kein monolithischer Block. Ihre Anhängerschaft rekrutierte sich vor allem aus afghanischen Flüchtlingskindern, die in den pakistanischen Medressen (Religionsschulen) des fundamentalistischen Verbands der Jamaat-i Ulama-i Islam erzogen und indoktriniert worden waren. Daneben bildete die neue Bewegung ein Sammelbecken für ehemalige Mudschahedin und Söldner sowie für jene, die in ihr eine Chance sahen, an der Seite der Macht zu bleiben. Gemeinsam war den meisten Taliban ihre paschtunische Herkunft. So waren 24 der 28 führenden Mitglieder Paschtunen, von denen wiederum 14 aus der Provinz Kandahar stammten. Entsprechend wurde Kandahar, die größte Stadt im Süden, nach seiner Einnahme im November 1994 zur Hochburg der Bewegung.





