Kaum ein anderes Gemälde ist in deutschen Geschichtsbüchern so oft reproduziert worden wie Anton von Werners „Kaiserproklamation“ in Versailles. Das Gemälde scheint mit fotografischer Genauigkeit den Moment wiederzugeben, in dem Großherzog Friedrich I. von Baden zum ersten Mal den preußischen König Wilhelm I. als Kaiser hochleben lässt. Tatsächlich war Anton von Werner ein Augenzeuge des Geschehens. Der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm, der spätere Kaiser Friedrich III., hatte ihn dazu einladen lassen: Er werde hier etwas seines „Pinsels Würdiges“ erleben.
Anton von Werner hat drei Versionen der Kaiserproklamation geschaffen: ein monumentales Ölgemälde für das Berliner Stadtschloss, eine Wandmalerei in der Ruhmeshalle des Berliner Zeughauses und ein im Vergleich dazu kleinformatiges Bild zum 70. Geburtstag Otto von Bismarcks 1885. Erhalten hat sich nur diese jüngste Fassung. Auf der Balustrade des Spiegelsaals von Versailles haben sich die Fürsten um Wilhelm I. geschart. Links neben seinem Vater steht Kronprinz Friedrich Wilhelm, rechts Großherzog Friedrich I. von Baden. Die im Saal versammelten Offiziere scheinen mit ihren gezogenen Degen nach vorne zu streben.
Diese Dynamik fehlte der ersten Fassung noch. Vor allem aber hat der Künstler in der zweiten und der dritten Fassung jenen Mann hervorgehoben, der als „Schmied des Reichs“ gefeiert wurde: Auf der Schlossfassung muss der Betrachter zuerst eine Weile suchen, bis er Otto von Bismarck ausfindig gemacht hat; er steht nicht im Mittelpunkt, und er trägt eine dunkelblaue Uniform wie alle anderen Offiziere. Dieses Bild entsprach dem Geschehen, das von Werner in Versailles erlebt hat. Bei der dritten Fassung dagegen trägt Bismarck eine strahlend weiße Galauniform, die ihn von allen anderen abhebt.
Die Proklamation Wilhelms I. zum Deutschen Kaiser ging, wie Anton von Werner es beschrieben hat, „in prunklosester Weise und in außerordentlicher Kürze“ vonstatten. Nicht nur der Künstler dürfte damals von Bismarcks „mit hölzerner Stimme“ vorgetragener Rede nur wenig mitbekommen haben. „[Ich] erwachte aus meiner Vertiefung erst, als der Großherzog von Baden neben König Wilhelm trat und mit lauter Stimme in den Saal hineinrief: ‚Seine Majestät, Kaiser Wilhelm der Siegreiche, er lebe hoch!‘ Ein dreimaliges Donnergetöse unter dem Geklirr der Waffen antwortete darauf …; von unten her antwortete wie ein Echo sich fortpflanzend das Hurra der dort aufgestellten Truppen. Der historische Akt war vorbei: Es gab wieder ein Deutsches Reich und einen Deutschen Kaiser.“
Dass dieser Akt so kurz und ohne größere Feierlichkeiten vonstattenging, war nicht nur dem andauernden Krieg geschuldet. Die Prokla‧mation war der kleinste gemeinsame Nenner gewesen, auf den sich die Hauptdarsteller hatten einigen können. Die Verhandlungen auf dem Weg zu einem neuen deutschen Reich – über eine Erweiterung des Norddeutschen zu einem gesamtdeutschen Bund, in dem die Krone Preußen das Präsidium innehaben sollte – hatten sich als schwierig erwiesen. Ein gesamtdeutsches Parlament gab es nicht, und aus dessen Händen hätte Wilhelm I. die Kaiserkrone so wenig angenommen wie 1848 sein Bruder Friedrich Wilhelm IV. Es musste ein Fürst sein, möglichst ein süddeutscher, und am allerbesten der bayerische König, der diese Aufgabe übernahm.




