Blom bestätigt die neue Interpretation der Vorkriegszeit: Der große Umbruch zur heutigen Moderne geschah schon damals, nicht erst nach 1918. Er gibt ein buntes und aufregendes Panorama der Zeit, eine Zusammenschau von Politik und Wirtschaft, Technik und Kultur, Sex und Neurosen. Das Problem bei einem solchen Panoptikum ist stets die innere Struktur. Bloms roter Faden ist vor allem die Zeitkrankheit Neurasthenie (Nervenschwäche); ihren Hauptgrund erblickt er in der Angst um die Männlichkeit.
Vielen Fachleuten mag das abenteuerlich klingen; es hat jedoch eine Basis in Quellen jener Zeit. Aus Patientenakten der Nervenheilstätten kann man in der Tat den Eindruck gewinnen, das brennendste Problem damals seien weder Militarismus noch Sozialismus gewesen, sondern der „Onanismus“. Im Jahr 2000 wurde auf dem Neurasthenie-Symposium in Amsterdam deutlich, dass wohl die Deutschen an der Spitze derjenigen standen, die sich von der Neurasthenie befallen glaubten; bei Blom sind die Franzosen den Deutschen in ihren Ängsten sogar noch voraus. Und auch im Antisemi‧tismus.
Der Autor wagt sich in Bereiche, wo es wenig gesicherte Kausalitäten gibt, und über viele Einzelpunkte ließe sich streiten. Insgesamt ist das Buch mehr Reportage als Analyse, und es konzentriert sich mehr auf das Bizarre als auf das Typische. Aber es ist amüsant geschrieben und von Entdeckerlust inspiriert: ein Lesegenuss, wie geschaffen dazu, dieses zum Überdruss beackerte Geschichtsterrain wieder frisch und neu zu erleben.
Rezension: Prof. Dr. Joachim Radkau




