Drei lange Zähne ragen aus dem Gipfel des Vulkans. „Diese Lavatürme waren vor zehn Tagen noch nicht da”, sagt Richard Herd, Vulkanologe am Observatorium der kleinen Karibikinsel Montserrat. Aus sicherer Entfernung vermißt und fotografiert er den Vulkan Soufriere Hills seit dem Juli 1995, als der Feuerberg nach fast 400 Jahren Tiefschlaf wieder erwachte. „Der große Zahn”, meint der Vulkanologe nach einem Blick durch den Theodoliten, „ist etwa 50 Meter hoch. Lang bleibt der nicht stehen.” Er hat recht: Nur wenige Minuten später, während Herd noch die Spitze mit dem Theodoliten anpeilt, brechen plötzlich riesige Felsblöcke ab. Im Sturz zerspringen sie zu Trümmern, die lawinenartig über die Flanke des Vulkans hinabtosen und im aufgewirbel- ten Staub verschwinden. Die heißen vulkanischen Gase aus den Poren des Gesteins, die beim Bersten frei werden, tragen den Staub in dichten Wolken gen Himmel.
„Das ist die kleine Ausführung der vernichtenden Glutlawinen, die vor ein paar Jahren den ganzen Süden der Insel versengt haben” , sagt Herd. Der Wissenschaftler und seine Kollegen beobachten den Vulkan von Montserrat im Auftrag der britischen Verwaltung der Insel. Sie sollen die Bevölkerung rechtzeitig warnen, wenn große Glutlawinen drohen. Deshalb verfolgen sie mit ihren Seismometern jede Erschütterung, messen das Wachstum und den Gasausstoß des Bergs. Glutlawinen sind für jedes Lebewesen, das sie treffen, tödlich. Die „pyroklastischen Ströme” – wie Wissenschaftler sie nennen – begleiten die hochexplosiven Vulkane der Erde. Zu ihnen gehört der Mount St. Helens, dessen Glutlawinen während des gewaltigen Ausbruchs im Mai 1980 für Schlagzeilen sorgten.
Derzeit sind fünf von ihnen aktiv: neben dem Vulkan auf Montserrat der indonesische Merapi, der japanische Sakurajima, der Arenal auf Costa Rica und der philippinische Mayon. Auch der Popocatepetl in Mexiko rumort zur Zeit. Sie alle finden sich dort, wo eine der großen „tektonischen” Platten der Erde tief unter eine andere taucht: an den sogenannten Subduktionszonen. Montserrat liegt wie seine ebenfalls vulkanischen Nachbarinseln Martinique und Guadeloupe auf dem Rand der karibischen Platte, unter die sich vom Atlantik her Teile der nord- und der südamerikanischen Platte schieben – etwa zwei Zentimeter weit pro Jahr. Mit dem Gestein taucht auch eine Menge Wasser ins Erdinnere. Der Druck des überhitzten Wasserdampfs ist vermutlich ein Grund für die hohe Explosivität der Subduktionsvulkane. Der andere ist ihre zähe Lava, die im Schlot steckenbleibt.
Den schlafenden Vulkan von Montserrat hatten die Menschen fast vergessen. Seit Jahrhunderten hatte er sich nicht geregt. Sein breiter, am Rand eingebrochener Krater war von einem üppig grünen Regenwald überwuchert und kaum noch zu erkennen. Lediglich ein paar Schwefelquellen zeugten von der Glut unter dem Boden. Im Juli 1995 tat sich dann plötzlich die Erde auf, Dampf und Aschewolken schossen hervor, Lava drückte nach – keine flüssige rotglühende Gesteinsschmelze, sondern Brocken schwarzer zäher Lava. Innerhalb von wenigen Monaten wuchs ein mehr als 300 Meter hoher, innen etwa 850 Grad Celsius heißer, dampfender Schuttkegel – ein „Dom”, wie die Wissenschaftler sagen.
Je schneller und höher ein solcher Dom wächst, desto instabiler wird er. Schließlich kommt es zum Kollaps: Felsbrocken stürzen die Flanken hinunter (siehe Grafik S. 42). Dadurch wird die Lava im Schlot, die unter hohem Druck steht, plötzlich entlastet. In gewaltigen Explosionen schießen Aschewolken gen Himmel oder wälzen sich mit Staub und Gestein als Glutlawine die Vulkanhänge hinunter. Im Juni und August und dann noch einmal im Dezember 1997 war es auf Montserrat soweit. Bis zu 13 Kubikmeter heiße halberstarrte Lava drangen pro Sekunde aus dem Schlot. Die Glutlawinen versengten Dörfer, Wald- und Ackerland, den Hafen, den Flughafen und auch die Hauptstadt Plymouth.
Die meisten Menschen waren rechtzeitig in den sicheren Nordteil der 100 Quadratkilometer großen Insel evakuiert worden. Trotzdem gab es 23 Tote. Von den ursprünglich 12000 Einwohnern sind seither 8000 auf die Nachbarinseln oder ins Mutterland England abgewandert. Dann hatte sich der Vulkan wieder beruhigt. Doch seit März 1999 schiebt sich erneut Lava aus dem Schlot – „ wie Zahnpasta aus der Tube”, sagt Gill Norton, die Direktorin des Observatoriums, „derzeit sind es etwa vier Kubikmeter pro Sekunde” . Diese extrem zähe Lava hat „nur” eine Temperatur von 850 Grad – bloß nachts sieht man sie glühen. „Normale” glutflüssige Lava erreicht über 1100 Grad.
Auf der heißen Spur der hochexplosiven Feuerberge ist Donald Dingwell, experimenteller Vulkanologe an der Universität München. Im Labor stellt er die Verhältnisse im Innern der Vulkane nach, heizt unter großem Druck Lavagestein so lange ein, bis es explodiert, und untersucht dann die Fragmente. Für den indonesischen Merapi und den italienischen Vesuv hat er bereits Ausbrüche modelliert. Seine Be-obachtungen sollen helfen, die Mechanismen während der Eruptionen zu verstehen – wichtige Grundlage für eine Vorhersage.
Dingwell will im Rahmen des EU-Forschungsprojekts Multimo (Multi disciplinary Monitoring, Modelling and Forecasting of Volcanic Hazards) Stücke erkalteter Lava des Montserrat-Vulkans in eine Presse einspannen, com-putergesteuert stufenweise belasten und so einen Parameter zur Verformung bestimmen. Daraus versucht er Rückschlüsse auf die Viskosität – die Zähigkeit – des Magmas zu ziehen, denn sie ist ein sicheres Indiz für die Explosivität des Vulkans. Geeignete Gesteinsproben hat Dingwell allerdings bislang nicht. Die muß er noch aus der Sperrzone holen – von dort, wo die bis zu 600 Grad Celsius heißen Ströme langsam auslaufen. „Keine ungefährliche Sache”, meint er, „man kann sich Füße und Finger verbrennen, weil das Material knapp unter der Oberfläche noch sehr heiß ist.” Er untertreibt: Sieben Monate nach Abgang des Glutstroms wurden in zwei Meter Tiefe noch 350 Grad Celsius gemessen.
Kompakt Der Vulkan von Montserrat soll Wissenschaftlern helfen, die hochexplosiven Feuerberge besser zu verstehen. Ziel ist vor allem die Vorhersage der gefährlichen Glutlawinen. Für die starke Explosivität ist das Magma verantwortlich: Es enthält viel Wasser und ist sehr zäh.
Bdw community Lesen Hans-Ulrich Schmincke VULKANISMUS Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2000, DM 78,–
B. Edmaier, A. Jung-Hüttl VULKANE BLV, 2000, DM 39,80
Internet Informationen des Observatoriums von Montserrat: www.mvomrat.com
Bilder und Videos von den ersten Ausbrüchen, unter anderem von einer Glutwolke, die über die Meeresoberfläche schießt: www.geo.mtu.edu/volcanoes/west.indies/soufriere/govt/images
Adresse Montserrat Volcano Observatory Mongo HillMontserrat, West Indies
Angelika Jung-Hüttl / Bernd Edmaier





