von THORSTEN DAMBECK
Wenn Astronomen die Ausmaße kleiner Körper im Sonnensystem bestimmen wollen, stehen sie vor einem Problem: Selbst bei der stärksten Vergrößerung erscheinen die planetaren Winzlinge im Fernrohr meist nur punktförmig. Doch es gibt eine indirekte Methode: Sternbedeckungen. Dabei wird die Helligkeit eines nahen Hintergrundsterns gemessen. Wenn sich der Kleinkörper vor diesen Stern schiebt, nimmt sie ab. Aus der Zeitdauer zwischen dem Verschwinden des Sterns und seinem Wiederauftauchen lässt sich die Gestalt des Körpers ermitteln.
So wurde vor längerem bereits Quaoar vermessen. Sein mittlerer Durchmesser ist deshalb gut bekannt: 1110 Kilometer. Der ungewöhnliche Name des 2002 entdeckten Himmelskörpers verweist auf eine Gottheit der indigenen Bewohner Südkaliforniens. Quaoar umrundet die Sonne fast 44-mal weiter entfernt als die Erde. Begleitet wird er von seinem 170 Kilometer großen Mond Weywot. Beide Körper gehören zum sogenannten Kuiper-Gürtel. Dort, jenseits des sonnenfernsten großen Planeten Neptun, kreisen zahllose, meist eishaltige Objekte. Mit 2376 Kilometern ist Pluto das größte bekannte Exemplar. Früher zählte man auch ihn zu den großen Planeten, seit 2006 wird er jedoch wie Quaoar als Zwergplanet eingestuft.
Schmuckstücke für Kuiper-Körper
Zwischen September 2018 und August 2021 stand Quaoar bei vier Sternbedeckungen im Fokus des Interesses. Auf der Kanareninsel La Palma richteten Profiastronomen ihren 10,4-Meter-Spiegel und in Australien Amateurastronomen ihre privaten Fernrohre auf Quaoar. Und am 11. Juni 2020 hatte sogar das im Dezember 2019 gestartete europäische Weltraumteleskop CHEOPS (CHaracterising ExOPlanet Satellite) – 700 Kilometer hoch im Erdorbit – den fernen Kuiper-Körper anvisiert.
Kürzlich berichtete Bruno Morgado von der staatlichen Universität von Rio de Janeiro in Brasilien zusammen mit Kollegen im Fachmagazin nature über die Auswertung der Lichtkurven. Demnach war das Team auf etwas Besonderes gestoßen: Nicht nur zum berechneten Zeitpunkt wurde das Sternlicht für rund 50 Sekunden blockiert. Auch vor- und nachher maßen die Instrumente mehrfach kurze Helligkeitseinbrüche. Das Team war auf die Abschattung eines Rings um Quaoar gestoßen. Er hat einen Radius von rund 4100 Kilometern, ist also rund 3550 Kilometer von der Oberfläche des Zwergplaneten entfernt.
Es ist bereits der dritte Ring eines kleinen Körpers, der mit dieser Methode aufgespürt wurde (bild der wissenschaft 12/2014, „Die Schmuckstücke der Planeten“). Zuletzt, im Jahr 2017, waren Astronomen beim bis zu 2100 Kilometer großen Zwergplaneten Haumea fündig geworden; er trägt den Namen einer hawaiianischen Fruchtbarkeitsgöttin. Haumea bewohnt ebenfalls den Kuiper-Gürtel und fällt durch eine rasante Eigendrehung von weniger als vier Stunden auf. Die dadurch bedingten starken Fliehkräfte dürften eine Ursache für die elliptisch gestreckte Gestalt Haumeas sein. Über der komplett eisbedeckten Landschaft des Himmelskörpers erhebt sich in etwa 1000 Kilometer Höhe ein rund 70 Kilometer schmaler Ring. Offenbar sind Ringe auch bei kleinen Körpern häufiger als bislang gedacht.





