Selbst Sohn eines Pfarrers, hatte Martin Niemöller 1910 zunächst den Beruf des Marineoffiziers ergriffen, ganz im Geist der Flottenbegeisterung des wil‧helminischen Bürgertums. Im Ersten Weltkrieg diente Niemöller seit 1916 in der U-Boot-Flotte. In den letzten Monaten des Krieges hatte er als Kapitän von UC 67 sein eigenes Kommando. Von Kriegsniederlage und Revolution enttäuscht, entschloss er sich 1919, den Pfarrberuf zu ergreifen und Theologie zu studieren. In seinem Erinnerungsbuch „Vom U-Boot zur Kanzel“ (1934) begründete er diese Entscheidung so: Er wolle zum „moralischen Neuaufbau des deutschen Volkes“ beitragen.
Ein Grund für den Wechsel zur Theologie dürfte jedoch auch die materielle Sicherheit gewesen sein, die der Pfarrberuf versprach – seit dem Frühjahr 1919 machten vor allem in nationalen Kreisen Gerüchte über einen Staatsbankrott die Runde. Aber die Stilisierung eines idealistischen Motivs für den Pfarrberuf hatte auch einen wahren Kern. Denn auf das Studium folgte seit 1924 nicht die Kanzel, sondern die Tätigkeit als Geschäftsführer der „Inneren Mission“ in Münster. Und Niemöller verstand diese Arbeit – in heutiger Sprache die Vernetzung von evangelischen Einrichtungen des Wohlfahrtsstaates – ganz wesentlich als einen „Dienst an der Volksgemeinschaft“. Strafgefangene, ledige Mütter, Trinker und Obdachlose sollten durch materielle Hilfe wieder einen Platz in der „moralischen Ordnung der Nation“ finden. …
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