von Kurt de Swaaf
Ein Windhauch trägt Pinienduft herbei, das Meer kabbelt leise gegen die Felsen – nur ein paar hungrige Stechmücken stören die nächtliche Idylle in der versteckten Bucht an der Nordwestküste Mallorcas. Über den Bergkämmen der Serra de Tramuntan stehen die Sterne, sogar die Milchstraße ist zu erkennen. Als wir uns eine Stunde später auf den Rückweg nach oben machen, wird im Osten langsam ein gelber Schein sichtbar. Ein Waldbrand? Nein, das ist immer so. Die Lichter der Inselhauptstadt Palma strahlen mit Wucht in den Himmel. Und es sind nicht die Einzigen. Satellitenaufnahmen zeigen, dass Mallorca jede Nacht funkelt wie ein überladener Weihnachtsbaum. Und so etwas ist in Europa eher die Regel als Ausnahme.
Gott sagte, „es werde Licht“, heißt es in der Bibel. Wir Menschen haben es ihm mit Glühbirnen, Leuchtreklamen und Halogenstrahlern nachgemacht. Die Dauererhellung hat viele Vorteile. Wir können länger aktiv sein. Straßenlaternen erhöhen die Verkehrssicherheit und Wohnungen ohne ständig qualmende Kerzen oder Öllampen sind der Gesundheit durchaus zuträglich. Inzwischen aber ist es des Guten zu viel. Die Welt braucht die Nacht, und die kommt ihr immer mehr abhanden. Das Phänomen hat auch einen Namen: Lichtverschmutzung. Fachleute sprechen auch von ALAN – dem englischsprachigen Akronym für „Artificial Light At Night“. Rund ein Viertel der globalen Landfläche ist laut Experten davon betroffen, Tendenz steigend – um etwa zwei Prozent pro Jahr. Über Europa sind nur noch zwölf Prozent des Nachthimmels nicht kunstlichtkontaminiert. Das Sternenzelt über uns verblasst.
Die Natur braucht die Nacht
Das Problem ist für viele trotzdem nur schwer nachvollziehbar. Menschen sind schließlich tagaktive Primaten, erklärt der Biologe Franz Hölker. „Wir verbinden Licht mit Positivem.“ Ein evolutionäres Erbe, sozusagen. Das Dunkel und die Finsternis dagegen gelten oft als Synonyme für Böses. Doch das sind kulturelle Zuschreibungen.
Denn die Natur tickt anders – auf der Erde sind Tag und Nacht exakt gleich verteilt. Im Jahresdurchschnitt ist es überall genauso lange hell wie dunkel. Organismen haben sich diesem Wechsel angepasst, zahlreiche Tierarten sind sogar explizit nachtaktiv. Andere Lebensformen, zu denen auch wir Menschen gehören, nutzen die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Tagesanbruch zur Erholung. Es wird geschlafen, dabei gespeichert und der Stoffwechsel bereinigt. Alles essenzielle Vorgänge. Licht ist da nur störend.
Bei Wirbeltieren, Homo sapiens natürlich inklusive, greift ALAN vor allem in den Melatonin-Haushalt ein. „Schon geringe Mengen reichen aus, um die Produktion zu unterdrücken“, berichtet Franz Hölker. Melatonin ist gewissermaßen das „Nachthormon“, sagt der Wissenschaftler. Ein Mangel daran kann bei tagaktiven Spezies den Schlafrhythmus beeinträchtigen. In Nachttieren indes gibt Melatonin das Signal zum Aufbruch. Der Botenstoff hat aber noch andere Funktionen, wie Hölker betont. Auch in der Produktion von Sexualhormonen spielen die Moleküle steuernde Rolle. Lichtverschmutzung kann somit zu diversen physiologischen Störungen führen – und die treffen nicht nur Landbewohner.





