Das Interesse an der wissenschaftlichen Erforschung Sibiriens begann in Russland erst an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert. Bis dahin hatte kaum ein Westeuropäer die Gebiete jenseits des Urals je betreten, auch wenn seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Teile Sibiriens auf den Karten Gerhard Mercators und Abraham Ortelius’ verzeichnet waren und auch Reisebeschreibungen vorlagen, die aber meist nur auf Hörensagen beruhten.
Nowgoroder Kaufleuten war Sibirien spätestens seit der Mitte des 11. Jahrhunderts bekannt, denn von dort erhielten sie die schönen Zobelfelle, die sich so gut verkaufen ließen. Es dauerte aber bis 1582, bis das Moskauer Reich stark genug war, an eine Eroberung dieser Gebiete zu denken. Seit dem Ende des 14. Jahrhunderts begann das mächtige Mongolenreich zerfallen. Die Moskauer Großfürsten eroberten immer neue Teilreiche. Als Iwan IV., der den Beinamen „der Schreckliche“ erhalten hat und als erster Großfürst zum Zaren gekrönt wurde, Mitte des 16. Jahrhunderts nach Kasan und Astrachan vorstieß, war die Wolga zum russischen Strom geworden.
Bis über den Ural hinaus gerieten die Steppen auf dem linken Wolga-Ufer unter russischen Einfluss. Am Ural lag der riesige Besitz der Kaufmannsfamilie Stroganow, die Salz sieden ließ. Die Stroganows unterhielten Geschäftsbeziehungen bis nach Westeuropa – und sorgten für Ruhe an der Steppengrenze. Iwan IV. verlieh ihnen daher (und weil sie ihm immer wieder Kredit gaben) zahlreiche Privilegien. Mit der Ausweitung ihres Besitzes gerieten sie allerdings in Konflikt mit dem Khanat von Sibir, einem kleinen Nachfolgereich der Mongolen. Da diese Kämpfe das Geschäft empfindlich störten, der Zar aber militärisch im Westen seines Reiches gebunden war, griffen die Stroganows zur Selbsthilfe. Sie warben den Kosaken Jermak samt Gefolgsleuten an, gaben ihm eigene Leute mit und finanzierten 1582 rund 900 Männer, die mit einigen Kanonen, Musketen und ihren Booten über den Ural zogen.
Militärisch überlegen und kampferprobt, waren die Kosaken Jermaks schnell erfolgreich. Nach kleineren Rückschlägen stießen Russen immer weiter nach Sibirien vor. Dort lebten zahlreiche kleinere Ethnien als Nomaden, Jäger und Sammler, insgesamt kaum mehr als 250 000 Menschen. Die Russen – meist handelte es sich um kosakische Verbände – nutzten geschickt die Wasserwege. Sie spielten die oft zerstrittenen Stämme gegeneinander aus oder nutzten sie als Hilfstruppen. Das lohnende Objekt der Begierde waren die Pelze, das „weiche Gold“; vor allem natürlich Zobel, aber auch Fuchs, Marder und Eichhörnchen.
Den Kosaken und Jägern folgten bald die Händler, die Priester, regu‧läre Soldaten und auch Bauern. Am Weg gründete man Städte, die vor allem militärische Stützpunkte waren, denn die einheimische Bevölkerung unterwarf sich nicht kampflos. Der Eroberungsprozess war blutig und grausam. Schon um die Mitte des 17. Jahrhunderts erreichten die Russen den Pazifik. Den Gesetzen der Steppe folgend, die sie während ihrer jahrhundertelangen Abhängigkeit von den Mongolen übernommen hatten, sammelten sie von den Einheimischen einen Pelztribut ein, der jährlich oder halbjährlich abzuliefern war.




