Elizabeth Harvey hat nun eine interessante Gruppe untersucht, nämlich jene jungen Frauen, in der Mehrzahl ledig und überdurchschnittlich gebildet, die sich mit Kriegsbeginn für die Arbeit in den besetzten polnischen Gebieten meldeten und als Siedlungshelferinnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen oder Arbeitsdienstführerinnen die „Germanisierungspolitik“ vorantrieben.
Viele von ihnen wollten an der Errichtung eines neuen Kolonialreichs mitwirken und konnten zugleich verantwortliche Positionen erringen, die ihnen zu Hause, gerade als Frauen, nicht offengestanden hätten. Der Nationalsozialismus war für diese jungen Frauen ein Möglichkeitsraum, der Karriere, Herausforderung und Anerkennung versprach – auf Kosten derjenigen, die als rassisch minderwertig galten und den neuen deutschen Herren als Arbeitssklaven dienen sollten oder vertrieben, ermordet wurden. Diese Frauen waren Zeuginnen wie Mitwirkende der nationalsozialistischen Verbrechen.
Harvey schildert in ihrem beispielreichen, anschaulichen und gut geschriebenen – und von Paula Bradish gut übersetzten – Buch, wie herkömmliche Geschlechterrollen zum Teil tradiert, zum Teil aber auch durchbrochen wurden. Sie fragt nach den Erfahrungen, die diese jungen Frauen gemacht haben, wertet Tagebücher, Memoiren und Interviews aus, die sie mit einem guten Dutzend Frauen geführt hat. Damit entsteht nicht nur eine spannend zu lesende, wichtige Studie über den Herrschaftsalltag in den besetzten Gebieten, sondern auch über die Konstruktion individueller Lebensläufe, Abwehr und Annahme von Mittäterschaft sowie die Verschiebungen kollektiver Erinnerung im Nachkriegsdeutschland.
Rezension: Prof. Dr. Michael Wildt




