Tatorte
Konzentrationslager, ein Begriff, der für die Orte steht, an denen eines der größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit begangen wurde: Die industrielle Tötung der europäischen Juden und anderer durch das NS-Regime verfolgter Menschen durch Zwangsarbeit oder Mord.
Bücher über und von Überlebenden der KZ sind in großer Zahl erschienen, eine allgemeine historische Darstellung der Geschichte der deutschen Konzentrationslager zwischen 1933 und 1945 war indes lange überfällig. Die Quellenlage für ein solches Werk ist auch denkbar schlecht. Nicht nur, dass die Mörder beim Buchführen über ihre Verbrechen bei fortdauerndem Krieg nicht mehr mitkamen – viele Akten und anderes schriftliches Material wurde zu Kriegsende vernichtet oder ins Ausland gebracht. Heute sind die Beweise des Völkermords weltweit verstreut, ein Zentralarchiv zum Thema gibt es ebensowenig wie eine Gesamtgeschichte.
Der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung Wolfgang Benz und die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau Barbara Distel haben dieses Forschungsdesiderat nun behoben. Mit Hilfe einschlägiger Spezialisten und junger Nachwuchswissenschaftler geben sie die neunbändige Reihe „Der Ort des Terrors“ heraus. Zuletzt erschien Band vier, bis zum Frühjahr 2009 sollen auch die anderen Bände herausgekommen sein. Die Reihe bietet eine Gesamtübersicht aller Informationen über die insgesamt 24 Haupt- und rund 1000 Außenlager in Nazideutschland geworden. Der jüngste Band behandelt die Lager Flossenbürg, Mauthausen und Ravensbrück. Ausgehend von der Gründung der Stammlager wird ihre Geschichte sowie die ihrer Insassen und Wachtruppen umfassend dargestellt. Es werden die Standortwahl, der Bau, die verschiedenen Gruppen von Gefangenen und die unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen erläutert und veranschaulicht.
In Flossenbürg spielten Granitsteinbrüche eine entscheidende Rolle bei der Standortwahl, Ravensbrück war seit 1939 das zentrale Frauen-KZ des nationalsozialistischen Deutschland, Mauthausen ab 1938 das KZ für den österreichischen Raum. Zum jeweiligen Ort gehörte eine Vielzahl von Außenlagern, die das Stammlager „metastasenartig“ weiträumig umgaben. Die Häftlinge mussten in unterirdischen Produktionsstätten, Rüstungsfabriken, Forschungsinstituten und der Landwirtschaft Zwangsarbeit leisten. Alle Aspekte des Lagerlebens werden untersucht, die Häftlingsgesellschaft ebenso wie die gezielte Ausrottung bestimmter Insassengruppen und die Todesmärsche zum Kriegsende. Ergänzt wird die Darstellung durch Karten und zahlreiche Fotos. Die Reihe, die der Forschung künftig von großem Nutzen sein wird, erhält durch ihren Umfang und ihr umfassendes Register Nachschlagecharakter, ist aber auch eine lesbare Gesamtdarstellung.




