Warum ist der neue Mensch der Sowjetunion für jeden Pionier ein Vorbild?“, lautete in den Schulen der DDR ein ebenso beliebtes wie gefürchtetes Aufsatzthema. „Erläutere Deine Gedanken und stelle dar, welche Schlussfolgerungen sich daraus für Deine Persönlichkeitsentwicklung und die weitere Stärkung des Klassenkollektivs ergeben.“ Da gab es kein Herumdrucksen und keine Ausflüchte. Die Frage stand klar und deutlich an der Wandtafel. Also Aufsatzheft auf den Tisch, Füller aufschrauben und loslegen! „Mein persönliches Vorbild ist Pawel Kortschagin, der Held des Romans ‚Wie der Stahl gehärtet wurde‘. Obwohl er blind war, ist er nach Sibirien gefahren, um Bäume zu fällen. Er ist ein Beispiel für den ‚wahren Menschen‘, wie es in der Sowjetunion viele gibt.“
Kein schlechter Anfang, doch wo bleiben die persönlichen Schlussfolgerungen? Mit Rotstift wird der Lehrer an den Rand schreiben: „Zu allgemein! Keine Phrasen!“ Also weiter: „Mein Beitrag im Kampf für Frieden und Sozialismus bestand diese Woche darin, dass ich eine Friedenstaube aus Papier ausgeschnitten und in der Turnhalle ans Fenster geklebt habe. Außerdem habe ich der Nachbarin die Kohlen geholt, der kleinen Schwester ein Stück Kuchen abgegeben …“ Hat das noch etwas mit dem Sowjetmenschen zu tun? Egal, gute Taten sind gefragt. Jetzt fehlt noch Kritik und Selbstkritik. „Einige Thälmannpio‧niere haben beim Besuch der Patenbrigade Westkaugummi gekaut. Der Ami-Mist hat nichts zu suchen in der Schule, die wir dem werktätigen Volk verdanken.“ Sehr gut! Jetzt noch ein Schlusssatz wie ein Fanfarenstoß: „Die ständige weitere Verbesserung unserer schulischen und gesellschaftlichen Arbeit ist ein wichtiger Beitrag …“ Da kommt schon das Klingelzeichen, der Lehrer fängt an, die Hefte einzusammeln. …
Den vollständigen Artikel finden Sie in DAMALS 08/2014.
Dr. Stefan Wolle




