Wenn wir den Schädel eines Menschen und eines Gorillas nebeneinander betrachten, fallen die Unterschiede schon auf den ersten Blick auf: Wir Menschen haben ein flaches Gesicht und einen rund geformten Schädel mit viel Platz für ein großes Gehirn; bei Gorillas dagegen nimmt das Gesicht deutlich mehr Raum ein und das Gehirn weniger. Auch andere große Menschenaffen wie Schimpansen und Orang-Utans kann man anhand ihrer Schädelform leicht von uns Menschen, aber auch voneinander unterscheiden. Bei kleinen Menschenaffen wie Gibbons sind die Variationen zwischen den Arten dagegen deutlich geringer. Doch wie haben sich die unterschiedlichen Schädelformen im Laufe der Evolution entwickelt?
Menschen- und Affenschädel im Vergleich
Um diese Frage zu klären, hat ein Team um Aida Gómez-Robles vom University College London die Schädel von Menschen sowie sechs Arten von großen Menschenaffen und neun Arten kleiner Menschenaffen systematisch miteinander verglichen. Dabei nutzten die Forschenden dreidimensionale CT-Scans der Schädel von jeweils vier bis 94 Individuen pro Spezies. Sie unterteilten die Schädel in vier Hauptabschnitte: das obere und das untere Gesicht sowie die Vorderseite und die Rückseite des Kopfes. Anschließend ermittelten sie, wie groß die Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten im Verhältnis zu ihrem Verwandtschaftsgrad waren.
Dabei zeigte sich: Bei den großen Menschenaffen einschließlich des Menschen verlief die Evolution der Schädelform wesentlich schneller als bei den zu den kleinen Menschenaffen gehörenden Gibbons. Seit sich die Linien der großen und die kleinen Menschenaffen vor etwa 20 Millionen trennten, nahm die anatomische Vielfalt bei Gibbons und Co. nur langsam zu, während sie bei den großen Menschenaffen regelrecht explodierte. „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die neurokraniale Vielfalt bei den großen Menschenaffen durch einen gattungsspezifischen neurokognitiven, sozialen oder ökologischen Selektionsdruck geprägt wurde, der bei den Gibbons nicht zu beobachten ist“, erklärt das Forschungsteam.
Eine Sonderrolle unter den großen Menschenaffen nimmt der Mensch ein: „Von allen Affenarten hat sich der Mensch am schnellsten entwickelt“, berichtet Gómez-Robles. „Diese schnelle Entwicklung deutet darauf hin, wie entscheidend Schädelanpassungen im Zusammenhang mit einem großen Gehirn und kleinen Gesichtern für den Menschen sind.“ Der Analyse zufolge veränderte sich die Schädelform des Menschen doppelt so schnell, wie ohne einen zusätzlichen Selektionsdruck zu erwarten gewesen wäre.
Kognitive Vorteile und soziale Selektion
Doch worin bestand dieser zusätzliche Selektionsdruck? „Die Anpassungen können mit den kognitiven Vorteilen eines großen Gehirns zusammenhängen, aber auch soziale Faktoren könnten unsere Evolution beeinflusst haben“, erklärt Gómez-Robles. Den Forschenden zufolge ist eine höhere Intelligenz ein naheliegender und wahrscheinlicher Evolutionsvorteil, der insbesondere Veränderungen im oberen Teil des Schädels fördern kann. Denn um mehr Leistung zu bringen, benötigt das Gehirn auch mehr Platz – und dafür muss der Schädel vor allem im Oberkopfbereich größer werden.





