Wenn man den Namen Gregor Mendel hört und nicht alles aus der Schulzeit vergessen hat, fallen einem die Erbgesetze ein, die der Augustinermönch mit diesem Namen gefunden, aufgestellt, entdeckt, publiziert, vorgeschlagen, ausgearbeitet oder wie auch immer zustande gebracht haben soll. Vererbungsforscher – so wird der Mönch Mendel auf einer Briefmarke vorgestellt, die 1984 zu seinem 100. Todestag erschienen ist und neben seinem Konterfei ein paar Pflanzen zeigt, die gekreuzt werden. Es ist kaum zu glauben, aber der 1822, also vor 200 Jahren, als Johann Mendel geborene und von der Nachwelt als Vater der Genetik verehrte Klosterbruder Gregor, der zugleich auch der Klostergärtner war, hat in der einzigen längeren Arbeit, die von ihm überliefert ist und in der er über seine „Versuche über Pflanzenhybriden“ berichtet, kein einziges Mal von Vererbung geschrieben. Die Vererbungsregeln stammen nicht von ihm, sondern wurden nach ihm formuliert, als Menschen anfingen, sich für solche Regeln zu interessieren.
Mendel ist ein Rätsel, nicht nur, was seine wissenschaftliche Leistung, sondern auch, was seinen Nachruhm angeht. Der hat dazu geführt, dass der Duden „mendeln“ als Verb aufgenommen hat, mit dem ausgedrückt wird, dass bestimmte Eigenschaften (Erbmerkmale) in einer nächsten Generation wieder auftreten. Man kann auch etwas „ausmendeln“, indem man durch geschickte Kreuzungen dafür sorgt, dass unerwünschte Qualitäten nicht weitergegeben werden. Und so steht der Name Mendel für etwas, das er gar nicht selbst beschrieben hat.
Das führt unweigerlich zu der Frage, wonach Mendel konkret Ausschau hielt, als er im Klostergarten arbeitete. Sein Abt hatte ihm ein Physikstudium ermöglicht, bei dem er von Atomen gehört hatte, und nun suchte er bei seinen Erbsen nach vergleichbaren Elementen, die in lebendiger Wechselwirkung standen und die sichtbaren Merkmale hervorbringen konnten.
Was er konkret mit seinen „Versuchen über Pflanzenhybriden“ wollte, steht im ersten Satz seiner Arbeit: Er wollte „neue Farbvarianten erzielen“. Fuchsien wären dazu besser geeignet gewesen. Deshalb hält Mendel auf der Fotografie, die ihn mit einer Pflanze zeigt, auch eine Fuchsie in der Hand.
Aber offenbar ging es den Kirchenoberen bei der Zeugung von deren Mischlingen (Hybriden) zu wild zu, wobei anzumerken ist, dass Mendel im Kloster Schwierigkeiten bekam, weil er sich mit Befruchtungen befasste. In den „einleitenden Bemerkungen“ zu seinen Versuchen spricht er davon, dass zu seiner Arbeit „einiger Muth“ gehörte, was nicht die Wissenschaft meinen kann. Man muss sich das klarmachen: Die Geistlichkeit fand selbst das Geschlechtsleben von Pflanzen zu erregend, um es untersuchen und darüber berichten zu lassen. Vielleicht versteckte Mendel deshalb seine Einsichten hinter mathematisch wirkenden und vertrackt aussehenden Symbolen, die zwar von Zeitgenossen angeschaut, aber vor dem 20. Jahrhundert von niemandem verstanden wurden.





