von ROLF HEßBRÜGGE
Kurz vor dem Unglück hatte das Cockpit „Vogelschlag“ gemeldet – die Kollision des Flugzeugs mit einem Vogel oder mehreren davon. Die Folgen eines solchen Zusammenstoßes können tödlich sein – nicht nur für die Tiere, wie sich am 29. Dezember 2024 zeigte: Die betroffene Boeing 737–800 der Fluggesellschaft Jeju Air geriet beim Landeversuch in der südkoreanischen Stadt Muan von der Piste ab, das Fahrwerk war nicht rechtzeitig ausgefahren worden. Die Maschine prallte daraufhin gegen eine Begrenzung aus Beton und ging in Flammen auf. Nur zwei Insassen überlebten. In beiden Triebwerken fanden sich DNA-Spuren von Gluck-Enten. Vermutlich hatte die Kollision mit den Tieren auch das Fahrwerk beschädigt.
Vogelschlag zählt seit jeher zu den Angstbegriffen in der Pilotensprache – und erinnert zugleich an das problematische Verhältnis zwischen Luftfahrt und Umwelt: Allein 2024 gab es 40,6 Millionen Passagierflüge weltweit. Damit ist die Branche fast wieder auf dem Niveau der Zeit vor Corona von rund 45 Millionen Flügen (und 4,4 Milliarden Fluggästen) jährlich, nachdem der Betrieb 2020 auf 22 Millionen Starts zurückgegangen war. Schätzungen zufolge befinden sich zu jeder Zeit rund eine Million Menschen in der Luft. Das ist ein Durchschnittswert, ebenso wie die rund 12.000 Flugzeuge, die den internationalen Luftraum gleichzeitig frequentieren. An Spitzentagen starten und landen mehr als 200.000 Flugzeuge weltweit, bis zu 20.000 Maschinen sind dann zur selben Zeit unterwegs. Hinzu kommen wohl Milliarden von Vögeln, außerdem Helikopter, Luftschiffe, Raketen, Wetter-, Spionage- und Ausflugsballons, Segelflieger, Flugdrachen, Gleit- und Fallschirme, Drohnen und neuerdings auch elektrisch betriebene Lufttaxis, mit denen vor allem die Megacitys in Ostasien die „dritte Dimension des Stadtverkehrs“ erschließen sollen.
Kein Ende des Flugbooms in Sicht
Den Löwenanteil der Flugpassagiere aber werden auch künftig die großen Airlines befördern. Deren Markt wird voraussichtlich sogar weiterwachsen: „Historisch verdoppelt sich das Flugaufkommen alle 15 bis 20 Jahre“, sagt Björn Nagel. Der Direktor des Instituts für Systemarchitekturen in der Luftfahrt am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Hamburg erwartet kein baldiges Ende dieses Trends. Im Gegenteil: „Bislang haben lediglich zehn Prozent der Erdbevölkerung Zugang zu Flugreisen, doch mit dem weltweit steigenden Wohlstand erschließt man immer weitere Kundenkreise“, erläutert Nagel.
Auch deshalb arbeiten Forschung und Industrie beständig daran, die Maschinen energieeffizienter und damit klimafreundlicher zu machen – etwa durch den Einsatz leichterer Materialien wie Kohlefasern oder durch Antriebe mit „offenen Rotoren“. Sie ähneln den klassischen Turbo-Prop-Triebwerken der Vergangenheit. Offene Rotoren ermöglichen größere Propellerdurchmesser und können den Energieverbrauch gegenüber heutigen Standardtriebwerken um bis zu 30 Prozent senken. „Doch dazu müssten Fluggeschwindigkeit und Flughöhe um etwa zehn Prozent verringert werden“, stellt Björn Nagel fest. „Durch einen reduzierten Verbrauch und eine geringere Flughöhe – was gleichbedeutend ist mit einer kürzeren Reisedistanz – könne die Klimawirkung um bis zu 55 Prozent verringert werden. „Airbus hat dieses Konzept bereits als potenziell nächste Flugzeugkonfiguration kommuniziert“, berichtet der DLR-Forscher. Der Nachteil offener Rotoren: Sie sind lauter. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) warnt: Schon heute leiden in Deutschland 20 Prozent der Menschen unter Fluglärm.





