Andreas Hofer ist mehr als eine historische Figur. Er ist ein Symbol, das seit nunmehr 200 Jahren immer wieder für unterschiedliche Ideologien und Ziele benützt und missbraucht wurde. Kämpfte er selbst noch gegen die bayerische Besatzung Tirols, so wurde er seit dem Ende des Ersten Weltkriegs zum Kämpfer für die Ansprüche der deutschsprachigen Tiroler südlich der Brenner-Grenze. Eine Grenze, deren Bestehen wie kein anderes Thema die Geschichte Tirols im 20. Jahrhundert geprägt hat.
Bildet der Brenner heute eine Grenze, so war er jahrhundertelang ein Bindeglied, das die Einheit des Landes Tirol überhaupt erst ermöglichte. Diese gemeinsamen Jahrhunderte waren es, die Sprache, Architektur, Brauchtum und Selbstbild Südtirols und seiner Bewohner hauptsächlich prägten. Typisch italienisch ist hier bis heute nur sehr wenig. Dennoch: Wer den Brenner überquert, ist in Italien. Eine Tatsache, die sich nicht durch kulturelle Kriterien erklären lässt, sondern das Resultat der Mächtepolitik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist. So beginnt die Geschichte Südtirols als Teil Italiens aus völkerrechtlicher Sicht mit dem Ende des Ersten Weltkriegs.
Die Bestimmungen des Friedensvertrags von St. Germain, die diese Region Italien zusprachen, kamen jedoch nicht aus dem Nichts. Ihnen zugrunde lagen die Ideen des Irredentismus, einer aus dem 19. Jahrhundert stammenden Strömung, welche die Angliederung von Gebieten wie dem Tessin, dem Trentino, Dalmatien und eben auch Südtirols an das Königreich Italien forderte. Einer der wichtigsten Vertreter dieser Bewegung war Ettore Tolomei. Der Lehrer, Journalist und Politiker vertrat die Ansicht, dass die Wasserscheide am Alpenhauptkamm die nörd‧liche Grenze Italiens bestimmen sollte. An der Umsetzung dieser Idee arbeitete er mit Nachdruck. Neben der Unterstützung nationalistisch-irredentistischer Kreise begründete er 1906 die Zeitschrift „Archivio per l’Alto Adige“, die als Sprachrohr für seine Ideologie fungierte. Im Zuge dieser Tätigkeit entwickelte er, auf zum Teil kuriose Art und Weise, italienische Versionen der bestehenden Orts- und Flurnamen Südtirols. 1904 bestieg er etwa den Gipfel des Glockenkarkopfs in den Zillertaler Alpen, bezeichnete sich fälschlicherweise als Erstbesteiger und nahm sich deshalb das Recht heraus, diesem Berg, dem nördlichsten Punkt „seines Italiens“, den Namen „Vetta d’Italia“ (Gipfel/Spitze Italiens) zu geben.
Die Möglichkeit zur praktischen Umsetzung seines Plans brachte der Erste Weltkrieg. In den Geheimverträgen vom 26. April 1915 wurde dem Königreich Italien für den Kriegseintritt auf Seiten der Entente die Brenner-Grenze zugesichert. Eine Zusage, die 1919 im Friedensvertrag von St. Germain offiziell fixiert wurde. Damit war ein Gebiet, das seit mehr als 500 Jahren zu Österreich gehört hatte und zu fast 100 Prozent deutschsprachig war, entgegen dem von Wood-row Wilson propagierten Grundsatz der Selbstbestimmung der Völker, Italien zugesprochen worden.




