Die biblischen Bücher vom 2. bis zum 5. Buch Mose und das Buch Josua erzählen von der frühen Geschichte des Volkes Israel. Natürlich ist die erste Frage, ob sich diese Berichte anhand archäologischer und anderer unabhängiger Daten untermauern lassen. Zunächst einmal: Das „Damals“, auf das sich diese Bücher beziehen, ist nach biblischer Chronologie das 15. Jahrhundert v. Chr. Da aber im Buch Exodus (2. Buch Mose) von der Stadt „Ramses“ die Rede ist, setzen die Historiker heute die berichteten Ereignisse 200 Jahre später an, denn es ist wohl Piramesse, die Hauptstadt des alten Ägypten, gemeint, das nachweislich erst im 13. Jahrhundert v. Chr. gegründet wurde.
Seit den Anfängen der Ägyptologie im 19. Jahrhundert wurden die altägyptischen Quellen auf mögliche Aufschlüsse über den Exodus durchforstet, von jeder neuen archäologischen Entdeckung, besonders des Grabes von Tutanchamun, erhoffte man sich endgültige Beweise. Theorien wurden entwickelt über die Ursachen der zehn Plagen – eine astronomische Kollision? Eine Klimakatastrophe im Anschluss an den Ausbruch des Vulkans Thera (Santorin)? Die Archäologie Palästinas war fixiert auf die Aufgabe, Spuren der Eroberung, der „Landnahme in Kanaan“ durch die Israeliten, zu finden, die dem in der Bibel geschilderten Auszug folgte. Man suchte nach Schichten, in denen Zerstörungen erkennbar gewesen wären (nach sogenannten Zerstörungshorizonten), nach Anzeichen für einen signifikanten Wandel der materiellen Kultur –, aber es tauchte nichts auf, was den biblischen Bericht eindeutig bestätigen konnte. Jericho, von dessen Ausgrabung man sich die meisten Aufschlüsse über die „Landnahme“ erhoffte, war tatsächlich lange vor den in der Bibel geschilderten Ereignissen untergegangen und wurde erst viel später wieder besiedelt.
Es gilt also dreierlei zu unterscheiden: Geschichte (im Sinn von „was wirklich geschah“), Mythos (was man sich davon erzählt) und Literatur (wie diese Überlieferungen schriftlich verarbeitet wurden). An die Geschichte kommen wir, wie gesagt, nicht heran. Das heißt nicht, dass die biblischen Erzählungen nicht einen wahren Kern haben könnten. Es ist durchaus möglich, dass ein kanaanäischer Stamm, der sich „Israel“ nannte – der Name ist sogar auf der „Israel-Stele“ des Pharaos Merenptah um 1220 v. Chr. belegt – einmal nach Ägypten ein- und später von dort wieder ausgewandert ist, möglicherweise unter der Führung eines Mannes namens Mose (ein ägyptischer Name!), aber es gibt keine Möglichkeit, diese Ereignisse mit der biblischen Überlieferung zu vergleichen. Diese Überlieferung ist alles, was uns gegeben ist.
Den vollständigen Artikel finden Sie in DAMALS 12/2012.
Prof. Dr. Jan Assmann




