von CLAUDIA CHRISTINE WOLF
Ein tragischer Fall macht deutlich, welch gravierende Folgen Trauer haben kann: Tasha Lawson starb im April 2025, nur wenige Tage, nachdem ihr Sohn Tee’Andrick tot in seinem Schlafzimmer aufgefunden worden war. Der 20-Jährige aus dem US-Bundesstaat Georgia war Opfer eines gewaltsamen Übergriffs durch zwei Männer geworden. Für die Familie steht fest: Es war die Trauer, die Tee’Andricks Mutter das Leben kostete. Und das ist durchaus möglich: Wenn emotionaler Stress zu einer Funktionsstörung des Herzens führt, sprechen Mediziner vom Broken-Heart-Syndrom. Die Symptomatik ähnelt einem akuten Herzinfarkt, tatsächlich ist aber nicht ein Verschluss des Herzkranzgefäßes die Ursache, sondern eine aufgeblähte linke Herzkammer.
Zahlreiche Studien zeigen, dass Trauernde ein höheres Risiko für Erkrankungen des Herzens und Schlaganfälle haben. Auch Atemwegserkrankungen, psychische Leiden und Substanzabhängigkeiten kommen bei ihnen häufiger vor. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass sie eher an Demenz und Krebs erkranken. Ihr Sterberisiko ist insgesamt höher. Die Ursachen dafür sind komplex. Neben dem emotionalen Schmerz können durch den Verlust ausgelöste Veränderungen im Lebensstil eine Rolle spielen: weniger Bewegung beispielsweise, sozialer Rückzug, ungesündere Ernährung, mehr Nikotin oder Alkohol.
Trauer beschleunigt offenbar das Altern, wie aus einer 2024 veröffentlichten Langzeitstudie hervorgeht. Ein US-amerikanisches Team befragte rund 4.000 Teilnehmende ab dem Jugendalter in regelmäßigen Abständen, ob sie einen ihnen nahestehenden Menschen verloren hatten. Im Alter von 33 bis 43 Jahren – fast 40 Prozent der Probanden hatten inzwischen mindestens einen Verlust erlitten – suchten die Forschenden in ihrem Blut nach Markern für biologisches Alter. Dazu analysierten sie sogenannte epigenetische Uhren: charakteristische Veränderungen an bestimmten Stellen des Erbguts, die die Funktionsfähigkeit von Zellen, Geweben und Organen vorhersagen, völlig unabhängig vom Geburtsdatum. Das Ergebnis: Personen, die zwei oder mehr Familienmitglieder verloren hatten, waren biologisch älter als Menschen ohne solche Erfahrungen. Die Autoren halten die beschleunigte Alterung für einen „Schlüsselmechanismus, der den Zusammenhang zwischen frühen Verlusterfahrungen und einem höheren Risiko für chronische Erkrankungen im späteren Leben erklärt.“
Erhöhter Blutdruck als Syndrom
„Früher dachte man, Trauer sei etwas, das im Kopf stattfindet“, sagt Harald Gündel, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm. „Heute weiß man, dass sie im ganzen Körper ist.“ Es komme neben kardiovaskulären Veränderungen wie erhöhtem Blutdruck oder Herzschlag auch zu einer vermehrten Ausschüttung von Cortisol und entzündungsfördernden Botenstoffen wie Interleukinen. „Das kann sich negativ auf die Gesundheit auswirken.“ Trauernde leiden häufig unter Schlafstörungen, Konzentrations- und Gedächtnisproblemen, Appetitverlust und Erschöpfung, vor allem in den ersten Wochen nach dem Verlust.





