Das Gespräch führte SALOME BERBLINGER
Frau Prof. Traidl-Hoffmann, macht uns der Klimawandel krank?
Ja, und zwar von Kopf bis Fuß. Der Klimawandel betrifft die mentale Gesundheit sowie Herz, Lunge und Stoffwechselsystem. Die Effekte sind vielseitig: Neben den direkten Folgen der zunehmenden Hitze auf unsere Gesundheit wirkt der Klimawandel auch auf Ökosysteme. Das führt zu indirekten Symptomen: Es gibt zum Beispiel immer mehr Pollen, die Allergien auslösen.
Wie lässt sich die zunehmende Pollenkonzentration denn erklären?
Die zunehmend verschmutzte Luft und Trockenheit bedeuten Stress für Pflanzen. Sie produzieren mehr Eiweiße – die Proteine spielen eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Schadstoffen und Schädlingen. Und auf diese Eiweiße in den Pollen reagieren viele Menschen allergisch. Hinzu kommt: Aufgrund der Schadstoffe in unserer Umwelt sind wir für Allergien besonders empfänglich.
Auf welche Weise erforschen Sie das Pollen-Problem?
Wir sind in die Natur gegangen, haben etwa Kätzchen der Birke gesammelt und analysiert – im Reagenzglas und mithilfe von Hauttestungen. Und wir haben eine „Zeitmaschine“, in der wir Pflanzen ihren zukünftigen klimatischen Bedingungen aussetzen. In sogenannten Klimakammern können wir neben der Temperatur auch die Schadstoffmenge regulieren und so mögliche Szenarien simulieren. Damit haben wir etwa gezeigt, dass Stickoxide Pollen der Ambrosia-Pflanze, auch Traubenkraut genannt, aggressiver machen – es werden neue allergene Eiweiße gebildet. Das ist besorgniserregend, denn die Bestände der aus Amerika eingewanderten Pflanze sind schon heute ein Problem – und die invasive Art wird sich weiter in Deutschland und anderen Ländern Europas ausbreiten. Viele Menschen reagieren auf die Ambrosia-Pollen allergisch und sind bis spät ins Jahr geplagt. Die durch den Klimawandel bedingten wärmeren Temperaturen sorgen für längere Blütezeiten der Ambrosia. Und im Dezember fliegt schon der Hasel-Pollen, es geht im Frühjahr direkt weiter mit Birke und Esche, dann Kräuter und Gräser. Wir haben keinen Tag mehr im Jahr ohne Pollenflug.
Wie kann man Allergikern helfen?
Ärzte können mithilfe der Hyposensibilisierung das Immunsystem so umerziehen, dass es Pollen akzeptiert. Darüber hinaus haben wir intelligente Polleninformationssysteme entwickelt, die Allergiker frühzeitig vor Pollenflug warnen. Am besten funktioniert eine solche App, wenn sie auf den Patienten und seinen Wohnort zugeschnitten ist. Finanziert vom Bayerischen Gesundheitsministerium arbeiten wir gerade an einer solchen App für den Kurort Bad Hindelang in den Allgäuer Alpen.





