Als Finanzexperte war Franck Goddio gut im Geschäft, 1983 wurde ihm gar ein lukrativer Posten bei der Weltbank angeboten. Doch gerade diese Offerte brachte den Ökonomen dazu, sein ganzes bisheriges Leben zu überdenken und schließlich auf den Kopf zu stellen. Er entschied sich, das Angebot abzulehnen und sich jenem Element zu widmen, das ihn seit frühester Kindheit fasziniert hatte: dem Meer. Als moderner Schatzsucher widmete er sich zunächst dem Aufspüren versunkener Schiffe. So kam er 1984 erstmals in die Bucht von Abukir östlich von Alex-andria. Die ägyptische Altertümerverwaltung informierte Goddio damals über den Fund zahlreicher Architekturfragmente in der Bucht, die vermuten ließen, dass die legendären Städte Kanopus und Thonis-Heraklion dort begraben lägen. Fortan wurde die Bucht von Abukir zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit. Ein weiteres und noch spektakuläreres Betätigungsfeld fand Goddio im Großen Hafen von Alexandria. Basis aller seiner Unternehmungen ist das 1985 von ihm gegründete Europäische Institut für Unterwasserarchäologie; im Jahr 2003 wurde als Kooperation zwischen der Universität Oxford, Franck Goddio und der Hilti Foundation, die Goddios Arbeit seit Jahren unterstützt, das Oxford Centre for Maritime Archaeology gegründet. Das Zentrum ermöglicht Experten unterschiedlicher Fachrichtungen die Teilnahme an den Unterwasserexpeditionen und die Durchführung von wissenschaftlichen Studien zu einzelnen Funden.
Bei seinen Expeditionen wird Goddio von einem inzwischen rund 20-köpfigen Team unterstützt. Zunächst kartieren Ingenieure und Geophysiker den Meeresgrund. Die so gewonnenen Informationen werden dann von Archäologen und Historikern ausgewertet. Erst danach begeben sich speziell ausgebildete Taucher ans Werk, begleitet von Kameraleuten und Fotografen, um Fundstücke zu bergen und Strukturen von Architekturfragmenten aufzunehmen. Erschwert wird die Arbeit unter Wasser durch die extrem hohe Verschmutzung des Mittelmeers vor Alexandria sowie in der Bucht von Abukir. Die Sicht unter Wasser ist dadurch extrem schlecht. Sie schwankt nach Angaben Franck Goddios „zumeist zwischen 50 Zentimetern und einem Meter, ist jedoch mitunter gleich null; unter besonders günstigen Bedingungen kann sie zehn Meter erreichen“. Zudem besteht die oberste Schicht des Meeresbodens in der Bucht von Abukir vor allem aus Sand und Nilschlamm, unter dem die Schätze der Antike begraben sind.
Zutage kamen in den vergangenen zehn Jahren trotz dieser schwierigen Ausgangslage Hunderte von Statuen, Kultgeräten, Alltagsgegenständen, Keramiken, Schmuckstücken und Münzen. Die Funde stammen aus der Zeit vom 8. Jahrhundert v. Chr. bis in das 8. Jahrhundert n.Chr., in dem Teile des Großen Hafens von Alexandria sowie die Städte in der Bucht von Abukir unter anderem durch mehrere Erdbeben und das Ansteigen des Meerwasserspiegels von der Bildfläche verschwunden sind. Damit spiegeln die Fundstücke vor allem jene Jahrhunderte wider, in denen sich Ägypten unter griechischem und römischem Einfluss grundlegend gewandelt hat…




