Don Philipp, der kirchliche Einflüsse begrenzen wollte, hatte die Jesuiten aus dem Land vertrieben und die Kirchengüter konfisziert. Ferdinand entwickelte dagegen – zum Schrecken auch seiner Lehrer – eine glühende Frömmigkeit, die sich in häufigen Gebeten und Andachten manifestierte; sein Studierzimmer richtete er wie eine Kirche ein. Als unstandesgemäß wurde sein allzu vertrauter Umgang mit der Dienerschaft empfunden, kurz, der Junge entglitt seinen ambitionierten Erziehern immer mehr.
In seiner späteren Regierungszeit holte Ferdinand die Jesuiten zurück und führte die bereits abgeschaffte Inquisition wieder ein. Die Hinwendung zur Religion barg zudem eine eminent politische Brisanz, spielte sie doch der franzosenfeindlichen Klerikerclique in Parma in die Hände, die ohnehin voll Groll auf die französisiche Oberschicht im Herzogtum blickte.
Die französische Philosophin und Soziologin Elisabeth Badinter hat, auf der Grundlage von Memoiren, Briefen und Zeitzeugenberichten, über den Infanten von Parma einen elegant geschriebenen Essay verfasst, der durchaus Überzeugungskraft entwickelt. Sie macht, ebenso übrigens wie Ferdinand in seinen Memoiren, die strenge und einseitig nur auf Wissensanhäufung bedachte Erziehung für die Hinwendung ihres Protagonisten zur Religion verantwortlich.
Vermag diese Argumenta‧tion wohl zu überzeugen, so erscheinen andere Wertungen Badinters als unhistorisch. So liest sie eine Entfremdung zwischen Sohn und Mutter aus den Quellen und leitet dar-aus eine problematische Kindheitsentwicklung ab. Doch in einer Zeit, in der Fürstenkinder so gut wie nie eine intensive Elternbeziehung aufbauten, kann diesem Faktor wohl kaum eine so starke Bedeutung zugesprochen werden wie heute. Zudem verstimmen einseitige, unreflektierte Charakterisierungen besonders der Mutter Ferdinands oder seiner jüngeren Schwester, die ohne historischen Nachweis und Kontext bleiben.
Und schließlich: Die Ablehnung der religiösen Neigungen Ferdinands durch dessen Lehrer macht sich die Autorin selbst zu eigen, wenn sie sie als „Aberglauben“ oder „Bigotterie“ etikettiert. Die Attraktivität eines volksnah gelebten Katholizismus für das Fürstenkind wird nirgends deutlich. Hier hätte eine Reflexion über die eigenen Wertmaßstäbe, die sich offensichtlich auch aus der französischen Aufklärung herleiten, gutgetan.
Rezension: Dr. Heike Talkenberger




