Schon zu Lebzeiten genoss er als Bildhauer, Maler und Architekt einen solch herausragenden Ruf, dass er sich fast jede Unverschämtheit leisten konnte. Wie alle Künstler seiner Zeit war er abhängig von seinen hohen Auftraggebern, aber er schaffte es oftmals, die Verhältnisse umzukehren: Der republikanisch gesonnene Michelangelo Buonarroti (1475 –1564), Gefolgsmann des gestrengen Dominikaners Savo‧narola, fühlte sich berechtigt, gegenüber den Mächtigen eine distanzierte, ja teilweise höhnische Haltung einzunehmen. Für den divino galten nur seine eigenen Gesetze.
Michelangelo war aber auch ein Kind seiner Zeit: Die Aufwertung seiner sozial abgestiegenen florentinischen Familie war ihm ein Ehrenanliegen. Ständig wehklagend, waren seine Verwandten indessen für ihn eine rechte Bürde. Volker Reinhardt hat brillant die Biographie des „göttlichen Künstlers“ geschrieben und die Spannung zwischen dessen Zeitgebundenheit und seiner ständigen Überschreitung von Etikette und Normen zum Leitmotiv der Darstellung gemacht.
Michelangelo lebte seine Genialität so unverschämt aus, wie man es erst wieder in der Romantik finden wird, und war gleichzeitig ein sittenstrenger, asketischer und arbeitsamer Mann. Aber schon wieder ist eine Einschränkung vonnöten: Er ließ viele seiner Kunstwerke unfertig und strich bedenkenlos Honorare für nicht geleistete Arbeit ein. Sicherlich war der Florentiner Künstler auch fromm und kirchentreu, was ihn aber keineswegs hinderte, seinen geistlichen Werken eine ganz persönliche theologische Note zu geben. Selbst den mächtigen Auftraggebern erteilte er subtile Lektionen: Die Gestaltung der Medici-Kapelle in Florenz etwa lässt sich als Abgesang auf das mächtige Florentiner Geschlecht deuten. Als der Herzog von Ferrara, Alfonso d’Este, bei Michelangelo, der den Frauen abgeneigt war, ein Bild „Leda und der Schwan“ in Auftrag gab, stellte dieser das mythische Thema als einen seelenlosen Akt von Sodomie bar jeder Erotik dar – und anstatt dem Herzog das Bild auszuhändigen, schenkte er es einem Gehilfen.
Irgendwie ist mir dieser schwierige Mann nach der Lektüre des fesselnden und zugleich grundsoliden wie ansprechend gestalteten Buchs von Volker Reinhardt sympathisch geworden. Auf dem unfertigen Bild von Jacopino del Conte, das den Schutzumschlag ziert, blickt uns ein ernster Mann mit dunklen Augen an, die Seelentiefe verraten, und seine Hand drückt Kraft und Gestaltungswillen aus: Schlicht und anspruchslos im Äußeren, verkörperte er zugleich den schaffenden Menschen in Vollendung.
Rezension: Prof. Dr. Martin Papenheim




