Demokratisierungsprozesse, in den 70er Jahren versprochen, waren uneingelöst geblieben. Die Führungsriege der DDR wirkte wie eingefroren: reformunfähig und nur auf Machterhalt fixiert. Zu spüren bekamen die Bürger dies im rapiden Ausbau des Apparats des Ministeriums für Staatssicherheit. Innerlich hatten sich die meisten von ihrem Staat verabschiedet und, wo immer es ging, ihre Nische gesucht.
Versorgungsprobleme prägten den Alltag. Beschaffungstouren der Werktätigen – meist während der Arbeitszeit – ließen die Produktivität der Volkswirtschaft stetig weiter sinken. Auch technologisch hatte die DDR den Anschluss verpasst. Auf der Höhe der Zeit waren nur Importwaren – von japanischen Videorekordern (zum Preis von 8000 Mark!) über PKW ausländischer Produktion (VW, Citroën) bis zu den Angeboten der Intershop-Läden. Da für das Regime jedoch die Devisenbeschaffung im Vordergrund stand, um den drohenden Staatsbankrott abzuwenden, waren Waren aus dem Westen kontingentiert – und genossen zwangsläufig kultische Verehrung.
Selbst die offiziellen Verlautbarungen zeigten nur noch wenig Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit des eigenen Gesellschaftssystems. Vom „Sieg des Sozialismus“ war schon lange keine Rede mehr, ebenso wenig vom „Weltniveau“, das die DDR-Wirtschaft einst hatte erreichen wollen. Doch erst nach der Wende sollte sich herausstellen, wie marode die DDR-Wirtschaft war. Der „real existierende Sozialismus“, den jeder Bürger in festgeschriebenen Preisen für die Dinge des täglichen Bedarfs erfuhr, verschlang Milliarden an Subventionen und ließ keinen Spielraum mehr für Investitionen.
Vor diesem Hintergrund spielt die folgende Geschichte, die über den ökonomischen wie sozialpsychologischen Zustand der DDR in ihrer Endphase viel erzählt. Sie illustriert den fast schon absurden Leerlauf aller Staatsorgane ebenso wie deren Arroganz. Und auf der anderen Seite: der aussichtlose Kampf der Betroffenen gegen den Apparat, ihre Wut, Verbitterung, schließlich ihre Resignation.
20. August 1985. Meister L. aus Schleiz stellt einen „Antrag auf Lieferung eines Gebrauchtlieferwagens vom Typ Barkas B 1000 zur Aufrechterhaltung der Dienstleistungen und Reparaturen an Haushaltskühlschränken für die Bevölkerung“. Mit seinem alten Wartburg 311, Baujahr 1959, könne er die an ihn gestellten Aufgaben kaum noch erfüllen, „da der Wagen sehr oft ausfällt und keine Reparatur-Werkstatt ihn mehr reparieren will“. Vorausgegangen ist ein Gespräch mit dem ebenfalls als Elektrofachmann tätigen Kollegen H. aus dem Nachbarort Hirschberg, der bereit ist, seinen bereits eingereichten Antrag auf Bereitstellung eines Fahrzeugs zurückzustellen.
Als sich Anfang 1986 noch immer nichts tut, sucht Meister L. Unterstützung beim Bezirksdirektor des Volkseigenenen Betriebs (VEB) Haushalt-geräteservice Bezirksdirektion Gera. Der befürwortet den Antrag und legt die Dringlichkeit in einem Brief an ein Mitglied des Rats des Kreises Schleiz für ÖVW (Örtliche Versorgungswirtschaft) dar. Dieses wendet sich im April an die übergeordnete Stelle der ÖVW zwecks „Bereitstellung eines Kleintransporters B 1000“ bei gleichzeitiger Zurückstellung des Antrags der Konkurrenzfirma H.




