Händel als Popstar – mit einem furiosen Videoclip warb die ARD vor Jahren für die Musik des Barockkomponisten. London-Bilder, kreischende Girlies wie einst bei den „Beatles“. Der Komponist steigt aus einer Limousine, internationale Jetset-Karriere, dazu der Megahit „Halleluja“. Bei keinem anderen Komponisten der Musikgeschichte hätte dieser Clip wohl „funktioniert“. Händel indes ist eine internationale Persönlichkeit gewesen. Mit einem Kollegen wie Bach sind andere Assoziationen verbunden. Der thüringische Meister des Kontrapunkts passt kaum zu solchen Bildern der Massenhysterie. Anders Händel: Er galt schon zu Lebzeiten als der Meister der großen Emotionen und versierter Lenker der Affekte. Seine universelle Musiksprache wurde überall verstanden, ob in Deutschland, Italien oder England.
Schon zu Lebzeiten entwickelte sich Händel von einem Individuum zu einer Institution, postum sogar zu einer ganzen Industrie. Er war eine europäische Figur, was schon die unterschiedlichen Schreibweisen seines Namens dokumentieren: Als Georg Friedrich Händel in Halle an der Saale getauft, unterzeichnete er zunächst mit „Georg Friedrich“, änderte seinen Familiennamen in Italien aber zu „Hendel“, wurde verschiedentlich auch als „Haendel“, „Händeler“, „Hendler“ oder „Handell“ erwähnt und blieb schließlich bei „George Frederic Handel“, nachdem er die englische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. In diesen vielfältigen Schreibweisen spiegelt sich eine brillante Karriere, die damals eng mit der schillernden Welt der Oper verbunden war. Mobilität, ja Risikobereitschaft waren hier vonnöten – und viel diplomatisches Geschick, um stets die richtigen Gönner und Mäzene zu finden!
Den jungen Händel zog es von Anfang an in die Ferne: von Halle nach Hamburg, zum großen Experiment „deutsche Oper“ und von dort nach Italien, ins Land, wo auch die Musik besondere Blüten trieb; und schließlich über Hannover nach England, das ihn 1727 zum Staatsbürger und alsbald zum Nationalhelden machte, dessen sterbliche Reste nach dem Wunsch des Kompo‧nisten natürlich einen Platz in der Westminster Abbey in London erhielten – mit einem lebensgroßen Denkmal Händels: die Linke auf die Orgel gestützt und in der Rechten ein Notenblatt mit der „Messiah“-Arie „I know that my Redeemer liveth“.
Der „Messiah“ wurde zu dem Werk, mit dem sich der Name Händel bis heute verbindet, sehr einseitig im Übrigen, wie ein Passus aus einer angesehenen englischen Zeitschrift aus dem Jahr 1784 belegt: „Sein Ruhm basiert unerschütterlich auf einem Werk – ‚Messiah‘ –, welches einen unendlich kleinen Bruchteil seines umfangreichen Gesamtwerks darstellt; doch es ist ein so repräsentativer Teil davon, dass eine weitere Beschäftigung mit seiner Musik wenig Neues zutage fördert“ („The Spectator“). Doch hier irrte die Presse. Viele seiner über 40 Opern und seine zahlreichen Instrumentalmusikwerke, darunter so prominente wie die „Water Musick“ und die „Musick for the Royal Fireworks“, waren zu Lebzeiten kaum weniger erfolgreich.




