Die Dicke des Inlandeises in Nordwest-Grönland hat sich seit den Fünfzigerjahren um 10 bis 15 Zentimeter pro Jahr reduziert. Im Nordosten der Insel hat es dagegen kaum Veränderungen gegeben, berichten W. Paterson von Paterson Geophysics in Heriot Bay, Kanada, und Niels Reeh von der Technischen Universität von Dänemark in Kopenhagen im Fachblatt Nature.
Die beiden Forscher verglichen ein digitales Geländemodell, das mit Radardaten des Europäischen Satelliten ERS-1 aus dem Jahr 1994 hergestellt worden war, mit den Daten einer britischen Expedition in Nordgrönland aus den Jahren 1953 und 1954. Bei der 1.200 Kilometer langen Traverse quer durch den Norden Grönlands hatten die Expeditionsteilnehmer an 300 Stationen die Höhe bestimmt.
Paterson und Reeh stellten fest, dass sich die Eisdicke im östlichen Teil der Traverse kaum verändert hatte, zum Teil hatte die Eisdicke sogar zugenommen. Im westlichen Teil der Insel war das Eis jedoch um bis zu 30 Zentimeter pro Jahr dünner geworden.
Die beiden Forscher glauben, dass es sich dabei um einen langfristigen Trend handelt, der die Dynamik des Eisschildes widerspiegelt. Die Geländehöhe kann auch kurzfristig schwanken, je nachdem wieviel Schnee in einem Jahr fällt. Über die Jahrzehnte hinweg, so vermuten Paterson und Reeh, werde die Geländehöhe jedoch von den gewaltigen Eisströmen bestimmt, die vom Zentrum der Insel zum Meer fließen. Wenn sie sich schneller bewegen und mehr Eis zur Küste transportieren, dann schrumpft die gesamte Eismenge in Grönland. Als Folge steigt der Meeresspiegel an.
Wie die Forscher schreiben, ist das Verhalten der Eisschilde von Grönland und der Antarktis der größte Unsicherheitsfaktor bei der Berechnung von zukünftigen Meeresspiegelschwankungen. Ihre Studie liefert zum ersten Mal Langzeit-Daten zum Verhalten der Eisströme, die teilweise noch auf Klimaschwankungen reagieren, die sich vor Jahrtausenden ereignet haben.
Ute Kehse





