Das Phänomen des Kriegersuizids ist ungeachtet einiger früherer Einzelfälle vor allem seit dem 12. Jahrhundert mit dem Aufstieg des Krieger-adels in den Kämpfen verbunden, die der Machtübernahme durch Minamoto no Yoritomo (1147–1199) und seiner Militärregierung in Kamakura vorausgingen. Krieger, die in einer Entscheidungsschlacht unterlagen, wählten den Freitod, um nicht in die Hände ihrer Feinde zu fallen und um zugleich die Verantwortung für die Niederlage zu übernehmen. Das Selbsttötungsritual des seppuku wurde einzeln oder in Gruppen ausgeführt. Als ein erschreckendes Beispiel für diese Form der Massenselbsttötung gilt der Suizid des Gouverneurs von Kyoto, Hojo Nakatoki (1306–1333), der sich mit 432 Vasallen das Leben nahm, als sich die Niederlage seiner Familie im Kampf um die Macht am Ende der Kamakura-Zeit abzeichnete.
Innerhalb der verschiedenen Erscheinungsformen des seppuku in der japanischen Geschichte ist zunächst zwischen der freiwilligen Selbsttötung und, vor allem für die Edo-Zeit, des Suizids als privilegierter Todesstrafe zu unterscheiden. Motive der Freiwilligkeit lagen in der bereits erwähnten Anerkennung einer militärischen Niederlage, der Sühne für einen Fehler, der Selbstopferung zum Wohl einer Gruppe, in der individuellen Loyalitätsverpflichtung, der Wahrung des eigenen Standpunkts, der finanziellen Absicherung der Familie sowie, als besonders ehrenhafte Form, im Totengeleit. Als Todesstrafe fand der Suizid Anwendung, wenn ein Samurai beim Erreichen wichtiger Ziele versagte, ferner bei der moralischen oder juristischen Übertragung von Verantwortung sowie als Strafe für ein Verbrechen…
Dr. Maik Hendrik Sprotte





