Von CHRISTIAN JUNG
André Grählert ist Ostseefischer in fünfter Generation. Er ist es mit Leib und Seele, auch wenn das von ihm verlangt, bei Wind und Wetter spätestens um 4 Uhr morgens aufzustehen und mit seinem Kutter „Lupo“ auf den Barther Bodden hinauszufahren. Er liebt diesen frühen Aufbruch – wie so vieles an seinem Beruf. Doch prall gefüllte Netze hat er lange nicht mehr gesehen. Und ob Dorsch, Flunder, Aal, Zander, Hecht, Barsch, Hering, Lachs oder Brasse: Vieles von dem, was er früher je nach Jahreszeit in Mengen aus der Ostsee holte, ist heute rar geworden.
Bei unserem Treffen redet der 45-Jährige hastig und in knappen Sätzen, viel Zeit für Gespräche hat er nicht. Da sich allein mit der Fischerei zusehends weniger verdienen lässt, hat Grählert ein kleines Unternehmen rund um den Fischfang aufgebaut. In seinem Fischgeschäft im Stadthafen von Barth geben sich schon jetzt, früh am Morgen, Einheimische und Urlauber die Klinke in die Hand. Später wechselt er hinüber zur Räucherei mit dem Restaurantbetrieb. „Die Fischerei Grählert trotzt nicht nur den Widrigkeiten, mit denen die Branche zu kämpfen hat, sondern sie investiert und stellt sich damit breiter auf“, lobte Fischereiminister Dr. Till Backhaus anlässlich der Eröffnung. Für die neue Räucherei standen öffentliche Fördermittel bereit, denn die Ostseefischer brauchen Hilfe. Gab es vor wenigen Jahren noch etwa 15 selbstständige Fischer in der Bucht von Barth am Darßer Bodden, sind es heute noch zwei. Und der Kutter- und Küstenfischerverband von Mecklenburg-Vorpommern musste wegen zu geringer Mitgliederzahl im letzten Herbst seine Auflösung bekanntgeben. Will André Grählert als Fischer überleben, muss er neue Wege gehen. Das weiß er schon lange. Vor etwa zehn Jahren habe sich so eine Unruhe in ihm breitgemacht, eine Vorahnung, dass die Dinge sich dauerhaft änderten und nichts weitergehen werde wie zuvor. Das Zuvor waren für ihn und seine Freunde die Zeiten ihrer Väter, die sie mit hinaus aufs Meer nahmen und ihnen die Liebe zur See vermittelten. Es waren die goldenen oder besser: „die über und über wie Fischschuppen silbrig-glänzenden“ 1980er- und 1990er-Jahre und auch noch das erste Jahrzehnt im neuen Jahrtausend. „Es war die Zeit“, sagt André Grählert, „als jemand wie ich als Fischersohn bereits in zigster Generation von seinem Vater das Handwerk lernte und klar war, dass ich als Sohn eines Tages den Betrieb übernehmen werde.“
Der Dorsch verschwand
Die goldene Zeit seiner Kindheit verdankte er vor allem einem Fisch, dem Dorsch. „Als wir von unseren Vätern das Fischereihandwerk erlernt haben, schien uns die Ostsee wie eine Badewanne voller Fische“, sagt Grählert. Vor allem den Dorsch habe es häufig gegeben: „Der hat manchmal sogar fast gestört. Wenn man Plattfische angeln wollte, da kam der Köder manchmal gar nicht bis zum Grund, von irgendwoher kam ein Dorschmaul, und der Köder war weg!“ 1985 wurden in der gesamten Ostsee allein 375 000 Tonnen Dorsch gefangen, 1995 waren es noch 141 000 Tonnen, im Jahr 2005 dann 80 000 Tonnen, 2015 nur noch 51 000 Tonnen. Als „letztes goldenes Jahr“ nennen Fischer wie André das Jahr 2019, als ihnen immerhin 16 000 Tonnen Dorsch in die Netze gingen. Von da an war der Fisch so gut wie verschwunden.





