Doch nicht die Bilder sind das Hauptanliegen der Publikation des Altgermanisten Lothar Voetz, der die Forschungsstandards souverän überblickt. Voetz stellt vielmehr neben den kodikologischen Voraussetzungen, neben chronologischen Problemen und solchen der Händescheidung (Unterscheidung der Urheberschaft) von Schreibern, Illuminatoren und Malern das außergewöhn‧liche Layout, die Eigenheiten der Schrift und die Abfolge der Textpassagen in den Vordergrund.
Besonders aber interessiert ihn der Handschriftentypus, dem er in kenntnisreichen Vergleichen mit bekannteren und unbekannten Lyrik-Handschriften nachgeht. Und noch ausführlicher präsentiert er die Überlieferungsgeschichte der 1888 in die Heidelberger Universitätsbibliothek gelangten und mittlerweile digitalisierten Handschrift, sowie ihre Rezeption seitens der Germanistik.
Hinsichtlich der Miniaturen konzentriert sich Voetz auf typologische Fragen. Deren Erscheinungsbild ist – gemessen am ästhetischen „Mehrwert“ liturgischer Prachtkodizes – linear reduziert, verzichtet auf räumlich-erzählende Strukturen und übernimmt stattdessen Züge „didaktischer“ Illustrationen aus der Heraldik und wohl auch aus dem Urkundenwesen, freilich auch solche gotischer Fresken im Bodensee-Raum. In dem Buch von Voetz sind nicht alle Miniaturen reproduziert – und die Beschreibung ihrer kunsthistorischen Qualität beschränkt sich meist auf kurze Einlassungen.
Trotz dieser Einschränkung ist die Monographie mehr als empfehlenswert. Denn sie bietet nicht nur ein kennerschaftliches Resümee, sie präsentiert darüber hin-aus ihren Text auf klare Weise, geschickt gegliedert und durchsetzt mit Exkursen etwa zur manuellen Herstellung einer mittelalterlichen Handschrift; eine Reihe eingestreuter Dichterporträts vermittelt zudem lebendiges Hintergrundwissen. Alles in allem: eine wirklich unverzichtbare Publikation, sofern man sich als Leser welcher Couleur auch immer ernsthaft mit dem „Codex Manesse“ beschäftigen und populistische Klischees umgehen will!
Rezension: Dr. Norbert Wolf




