Wer Heinrich Heines „Harzreise“ in die Hand nimmt und eine klassische Reisebeschreibung erhofft, wird enttäuscht sein: Nur manche Landschaftsschilderungen entsprechen diesem Genre. Ansonsten wirkt die „Harzreise“ auf den ersten Blick wie ein ungeordnetes Sammelsurium subjektiver Eindrücke. Doch dieser Anschein trügt: Heine beschreibt Personen und Verhältnisse, um unter dem Deckmantel der Reise sein Bild von Deutschland zu zeichnen. Und natürlich nutzt er diese Gelegenheit zu einigen kräftigen sarkastischen Seitenhieben.
Das beginnt schon in Göttingen, dem Ausgangspunkt seiner keineswegs fiktiven Harzreise. 1819/20 hatte Heine sein Jurastudium in Bonn aufgenommen, wechselte dann aber bald nach Göttingen. Glücklich wurde er nicht in der Stadt an der Leine: Wegen einer Duellforderung nach einer antisemitischen Beleidigung flog er für ein Semester von der Universität und wegen eines Bordellbesuchs aus der Verbindung, in die er eingetreten war. Er setzte sein Studium in Berlin fort, kehrte aber zur Promotion nach Göttingen zurück. Im September 1824 brach er zu einer rund vierwöchigen Reise auf, die ihn in den Harz und dann weiter nach Weimar, Erfurt, Eisenach und Kassel führte.
Vor dem Hintergrund von Heines Erlebnissen ist es nicht verwunderlich, daß er Göttingen mit besonderer Ironie beschreibt, doch trifft sein Spott nicht unbedingt Göttingen im besonderen, sondern könnte jeder alten deutschen Universitätsstadt gegolten haben. Das Genre der klassischen Reiseliteratur karikiert Heine gleich mit, wenn er penibel notiert, was es in Göttingen zu bemerken gibt: „Die Stadt …, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem Könige von Hannover und enthält 999 Feuerstellen [Häuser], diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist … Die Stadt ist schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht. Sie muß schon sehr lange stehen; denn ich erinnere mich, als ich vor fünf Jahren dort immatrikuliert … wurde, hatte sie dasselbe graue, altkluge Aussehen …“
Nicht nur die Stadt bekam ihr Fett weg, sondern auch die Universität. Besonders die Studentenverbindungen, die ihn nicht in ihren Reihen haben wollten – tatsächlich wegen des Bordellbesuchs oder doch, weil er Jude war? –, wurden zu Opfern seines Spotts. So beschrieb er, wie die nach den alten deutschen Stämmen benannten Burschenschaften „noch heutzutage in Göttingen, hordenweis und geschieden durch Farben der Mützen und der Pfeifenquäste, über die Weenderstraße einherziehen, auf den blutigen Walstätten … sich ewig untereinander herumschlagen, in Sitten und Gebräuchen noch immer wie zur Zeit der Völkerwanderung dahinleben …“ Und die Professoren? Während bei den Studenten alle drei Jahre eine Semesterwelle die andere fortdränge, blieben die Professoren „stehen in dieser allgemeinen Bewegung, unerschütterlich fest, gleich den Pyramiden Ägyptens – nur daß in diesen Universitätspyramiden keine Weisheit verborgen ist“.





