Spätestens mit dem Gedenkjahr „1809–1984“ unter dem Motto „Miteinander Tirol gestalten – Erbe und Auftrag“ setzte in der historischen Aufarbeitung des Tiroler „Volkshelden“ Andreas Hofer eine Entwicklung ein, die ihn seither in einem objektiveren Licht erscheinen lässt. Mythos und Glorifizierung wurden hinterfragt, und so kam man der geschichtlichen Realität näher. Andreas Hofer ist vom Podest des „Helden“ wieder auf die Ebene der Menschen herabgestiegen.
Andreas Hofer wurde am 22. November 1767 auf dem Sandhof bei St. Leonhard im Passeiertal, das von Meran nach Norden führt, geboren. Später wurde berichtet, man habe in dieser Nacht über dem Geburtshaus eine eigenartige Lichterscheinung in Form eines Gewehrs oder Säbels gesehen. Damit begannen Legendenbildung und Mystifizierung, wie sie für bedeutende Persönlichkeiten der Geschichte typisch sind. Hofers Vater war „Ur-Passeirer“, die Mutter, Maria Aigentler, stammte aus Matrei am Brenner im nördlichen Tirol. Als kleines Kind hat Andreas Schicksalsschläge erleben müssen: Als er drei Jahre alt war, starb seine Mutter; der Vater heiratete nach zwei Jahren noch einmal, Anna Frick, eine Einheimische; wenig später, 1774, starb auch er. Dadurch geriet der „Hof am Sand“, mit dem seit dem Ende des 17. Jahrhunderts eine Gastwirtschaft verbunden war, in wirtschaftliche Schwierigkeiten.
Dank der 1774 von Maria Theresia für die habsburgischen Erblande eingeführten Schulpflicht lernte Andreas Schreiben, Lesen und Rechnen. Im Süden des Landes, in „Welschtirol“, heute als „Trentino“ bezeichnet, lernte er später Italienisch, die zweite Landessprache, nicht unwesentlich für sein Wirken als Händler und dann beim Aufstand im Jahr 1809.
Der Tiroler Topograph Johann Jakob Staffler, ebenfalls aus St. Leonhard gebürtig, der als Knabe Andreas Hofer noch persönlich kennengelernt hatte, beschrieb sein Äußeres so: „Hofer hatte einen robusten, ziemlich hohen Körperbau mit breiter Brust und starken Waden, eine angenehme, freundliche Gesichtsbildung mit kleinen, aber lebhaften Augen, mit rothen, ziemlich vollen Backen und einer kleinen, etwas stumpfen Nase. Er besaß unter den starken Männern des Thales eine ausgezeichnete Körperstärke. Seine Stimme war weich und wohlklingend; sein Gang aufrecht, langsam und würdevoll; sein ganzes Wesen anziehend und Zutrauen erweckend.“ Ein sehr wesentliches Merkmal seines Äußeren war der volle, dunkle Bart, der auf eine Wette zurückging und ihm eine väterliche Note und ein besonderes Charisma verlieh.
Das Wesen des Sandwirts wird von Staffler mit folgenden Worten charakterisiert: „… überall war er geachtet und gern gesehen; überall hatte er gute, ihm aufrichtig ergebene Freunde; denn er bewährte sich in allem seinen Thun als grundehrlich und verständig, gutmüthig, freundlich und heiter, nicht selten auch witzig, aber stets geleitet von einem christlich-frommen Sinn.“ Hofers Religiosität wurde in zahlreichen Beschreibungen hervorgehoben, so auch von dem Historiker Beda Weber, der von 1826 an am Gymnasium in Meran unterrichtet hat und im Passeiertal noch viele Zeitgenossen des Sandwirts kennenlernen konnte, weshalb seinen Aussagen hoher authentischer Wert zukommt: „Seine Frömmigkeit wurzelte in einem gläubigen Gemüthe, das alle Grübelei ausschloß, und das Gefühl des allgegenwärtigen Gottes begleitete ihn überall. Es machte ihn froh, duldsam, mit‧leidig gegen alle Menschen. Kopfhängerei und Bekrittelung der Sitten Anderer verachtete er. Der Kirche als solcher anzuhängen, war ihm Bedürfnis.“




