Das Gespräch führte SALOME BERBLINGER
Wie unterscheidet sich der Begriff Wahrheit im Alltag und in der Wissenschaft?
Bei vielen Menschen in der Bevölkerung herrscht der Glaube vor, dass es so etwas wie eine absolute Wahrheit gibt. Die gibt es aber in der Wissenschaft nicht. Wir versuchen, die Welt zu verstehen und suchen nach Erklärungen für Dinge, die wir beobachten. Wir arbeiten mit nachvollziehbaren Methoden nach bestem Wissen und Gewissen. Wenn sich aus neuen Daten neue Erkenntnisse ergeben, müssen wir unsere Theorien revidieren oder erweitern. Manche Menschen nutzen diese Unsicherheit, um Zweifel an der Wissenschaft zu sähen. Doch der Kern und letztlich die Stärke der Wissenschaft ist, fehlendes Wissen oder Irrtümer zuzugeben.
Wie lässt sich das erklären – ohne dabei den Weg für „alternative Fakten“ freizumachen?
Ich finde, man muss das Gesamtbild sehen und Wissenschaft daran messen. Es gibt immer wieder kleine Punkte, bei denen Forscher sich unsicher sind oder irren – das liegt in der Natur der Sache. Aber die wesentlichen Erkenntnisse zu den großen Problemen unserer Zeit sind bestätigt worden. Die Hypothese, dass sich das Klima aufgrund von CO2-Emissionen des Menschen erwärmen wird, hat der Physiker Svante Arrhenius schon 1896 aufgestellt. Und obwohl seine Rechnungen nicht im Detail aufgehen, hatte er im Grundsatz recht: Im Laufe der Jahre haben wir das Experiment zu seiner Theorie geliefert – und die Erde wird sich weiter erwärmen, wenn wir so weiter machen wie bisher. Dass Klimaschutzmaßnahmen nötig sind, wissen die Gegner davon meistens übrigens selbst. So lagen dem Ölkonzern Exxon schon Ende der 1970er-Jahre interne Prognosen zu den fatalen Folgen fossiler Brennstoffe vor. Das eigene Geschäftsmodell in Gefahr gesehen, fuhr er millionenschwere Fake-Kampagnen, die das herunterspielten.
Welche ähnlichen Beispiele gibt es heute?
Früher waren es vor allem Menschen aus der Wirtschaft und Lobbyisten, heute sind es auch vermehrt Politiker, die wider besseres Wissen das Falsche behaupten. Wie Donald Trump in den USA argumentiert die AfD hierzulande: Es gebe keinen menschengemachten Klimawandel, die Schwankungen seien natürlich, und deswegen brauche es keine Energiewende. Damit erreichen populistische Parteien Wählerinnen und Wähler, die Angst vor dem Verlust ihres Wohlstands haben. Oder die am Rande der Gesellschaft fürchten, noch weiter abzurutschen. Offenbar mögen Menschen keine Veränderung – obwohl sie geboten ist.
Ist der Wert der Wahrheit in der Wissenschaft gefährdet?





