Über das Wichtigste wissen wir wenig. Die Ausgestaltung der Krönungsmesse in der römischen Peterskirche können wir nur erahnen. Das ist erstaunlich, denn Ottos Kaisertum brachte das Schreiben über Geschichte in Sachsen, dem Herzogtum im Norden des heutigen Deutschland, erst hervor. Doch die Chronisten hielten sich bei der Schilderung des größten politischen Ereignisses seltsam zurück. Hrotsvit, eine Nonne im Stift Gandersheim, oder Liutprand, der Bischof von Cremona, jubelten nur mit knappen Worten. Und der wichtigste Chronist, der Mönch Widukind aus dem Kloster Corvey (heute Höxter/Weser), verschwieg die römische Kaiserkrönung. In seiner Sachsengeschichte bejubelte er den Aufstieg seines Volks zur höchsten Würde in Europa.
Doch dafür brauchte er keinen römischen Papst und keine römische Kaiserkrönung. Widukind ließ Heinrich I. (919 – 936) und Otto I. (936 –973) nach Siegen gegen die heidnischen Ungarn zu Kaisern werden. Das Heer, so erzählte er, habe seine Könige auf dem Schlachtfeld 933 bei Riade (vermutlich in Thüringen) oder 955 auf dem Lechfeld (bei Augsburg) zum „Vater des Vaterlands“ und zum Kaiser ausgerufen. Dafür brauchte es weder Salböl noch römische Liturgie. Doch die Wirklichkeit sah anders aus. Heinrich I. war gar kein Kaiser, und Otto I. führte den Kaisertitel erst nach seiner römischen Krönung durch den Papst. Für ihn blieb nur ein auf Rom bezogenes Imperium denkbar, das auf Traditionen von Augustus über Konstantin den Großen und Karl den Großen fußte. Bis zu seinem Ende 1806 rüttelte das Reich nicht an dieser römischen Grundlegung, weil es sich universal, nicht national verstand.
Trotz ihrer Bedeutung lässt sich die Kaiserkrönung von 962 nicht aus den Verhüllungen der Quellen herausschälen. Über den idealen Ablauf einer Krönungsmesse gibt allenfalls eine liturgische Sammlung Aufschluss, die kurz zuvor im Mainzer Stift St. Alban hergestellt worden war. In seinem Buch „Über König Otto“ erzählt Bischof Liutprand von Cremona nur, dass Otto und Adelheid in Rom „mit wunderbarer Pracht und ungewöhnlichem Aufwand empfangen und von dem erwähnten obersten Bischof und allgemeinen Papst Johannes zum Kaiser gesalbt [wurden]. Er gab ihm dafür nicht nur das Seine zurück, sondern ehrte ihn auch durch große Geschenke an Edelsteinen, an Gold und Silber.“ …
Prof. Dr. Bernd Schneidmüller




