„In deinen Toren will ich stehen, du freie Stadt Jerusalem, in deinen Toren kann ich atmen, erwacht mein Sinn.”
So lautet der Refrain der deutschen Übersetzung eines modernen hebräischen Liedes, das die Einzigartigkeit dieser Stadt beschreibt. Am Rande der judäischen Wüste gelegen, in einem Gebiet ohne besondere landschaftliche Attraktionen – trotzdem sind viele Menschen Jerusalem verfallen. Sie ist heute eine Stadt mit einem eigenen Flair, ganz anders als Tel Aviv oder Haifa. Und sie war im Verlauf weiter Teile ihrer Geschichte eine besondere Stadt, nicht zu vergleichen mit anderen Orten des Landes. Trotz der abseitigen Lage zeichnete sie sich als eine Stadt mit einer eigenständigen politischen, wirtschaftlichen und religiösen Tradition aus. Vielleicht macht gerade dieses Bewußtsein des Andersseins, das über Jahrtausende gewachsen ist, noch heute den besonderen Charakter dieser Stadt aus.
Die Lage der Stadt ließ es eigentlich gar nicht erwarten, daß Jerusalem jemals zu den bedeutendsten und bekanntesten Städten der Welt gezählt werden würde. Jerusalem liegt auf dem Gebirgskamm des judäischen Berglandes, weit weg von den fruchtbaren Ebenen im Norden und Westen Palästinas, dafür nahe an der judäischen Wüste. Auch die wichtigsten Handelswege führten in der Antike durch die Ebenen und entlang der Küste, so daß Jerusalem völlig abseits lag. Daß sich hier gegen Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. überhaupt erstmals Menschen niederließen, lag an der günstigen Wasserversorgung durch die Gichonquelle, die im Kidrontal entspringt, und an der strategisch herausragenden Lage der später sogenannten Davidsstadt. Dieser älteste Teil Jerusalems liegt auf einem Sporn, der rechts und links von steil abfallenden Tälern begrenzt wird. Die Ortschaft war dank dieser natürlichen Gegebenheiten nahezu unbezwingbar – ein Sachverhalt, der für die weitere Geschichte der Stadt von höchster Relevanz war.
Nach dieser ersten Besiedlung war Jerusalem während des gesamten 3. Jahrtausends v. Chr. unbewohnt. Diese Siedlungslücke erklärt sich in der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Die Umgebung von Jerusalem mit ihren steil abfallenden Hügeln bot keine idealen Rahmenbedingungen für den wirtschaftlichen Aufschwung jener Zeit. Die Tätigkeit der Ackerbauern und Obstzüchter versprach an anderen Stellen mehr Gewinn. Erst um 2000 v. Chr. siedelten dann neuerlich Menschen im Bereich der Davidsstadt und erbauten schon bald eine Stadtmauer, die die Spornlage zusätzlich schützen sollte. Neuere Forschungen haben ergeben, daß allein der Bau dieser Befestigung etwa zweieinhalb Jahre gedauert haben dürfte! Mit dieser Besiedlung erhielt Jerusalem eine neue Rolle, die für das ganze 2. Jahrtausend bestimmend sein sollte: Mit seinen rund vier Hektar Größe war es die einzige städtische Siedlung im gesamten südlichen Bergland Palästinas und damit ein zentraler Umschlag- und Handelsplatz für die Kleinviehnomaden, die in der Region ihre Schafe und Ziegen weiden ließen. Während die Stadtstaaten in den Ebenen nur jeweils ein relativ kleines Areal kontrollierten, übte Jerusalem seinen Einfluß auf ein umfangreiches Territorium aus. So verwundert es auch nicht, daß Jerusalem schon im 18. Jahrhundert v. Chr. in den ägyptischen Ächtungstexten genannt wird, in denen die Namen von Städten und ihren Fürsten auf Tonfigurinen oder Schalen geschrieben und nach der Beschriftung rituell zerbrochen wurden. Durch diese magische Handlung hofften die Ägypter, die Kontrolle über die aufgeschriebenen Ortschaften zu erhalten.




