von FINN BROCKERHOFF
Südwestdeutschland vor etwa 240 Millionen Jahren. In den urzeitlichen Schachtelhalmwäldern ist es heiß und schwül. Die Luft ist erfüllt von Insekten, die aus den bis zum Horizont reichenden Brackwassersümpfen aufsteigen. Hier herrscht Batrachotomus kupferzellensis. Mit einer Körperlänge von bis zu sechs Metern und bis zu sechs Zentimeter langen scharfen Zähnen steht das Urkrokodil im Erdzeitalter Trias an der Spitze der Nahrungskette. Seine langen Gliedmaßen, die sich – anders als bei heutigen Krokodilen – unterhalb seines Körpers befinden, machten ihn zu einem flinken Läufer und erfolgreichen Jäger.
Doch wovon sich Batrachotomus genau ernährte, war bislang ein Rätsel. Nun hat ein Forscherteam um den Paläontologen Eudald Mujal vom Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart Hunderte Fossilien auf Hinweise untersucht – Knochen und Zähne des Jägers und auch seiner Beute. Möglich wurde dies durch die ausgezeichneten Fossillagerstätten von Kupferzell und Vellberg-Eschenau nahe Schwäbisch Hall. „An kaum einem anderen Ort auf der Welt findet man so viele verschiedene Fossilien von so vielen verschiedenen Arten – möglicherweise, weil tote Tiere in den damaligen Sümpfen sofort luftdicht abgeschlossen wurden und es in der Folgezeit kaum Bodenbewegungen gab“, sagt Mujal.
Verbissene Spurensuche
Er und seine Kollegen vom Naturkundemuseum, der Universität Hohenheim und der Universität Freiburg in der Schweiz analysierten die Fossilien auf Spuren wie Schnitte, Einstiche, Kratzer und Löcher, die von Bissen des Batrachotomus stammen. Als entscheidendes Indiz hierfür diente die Form und Beschaffenheit der Zähne des Raubtiers: Sie gleichen gebogenen Messerklingen mit gezackten Rändern – Paläontologen sprechen von ziphodonten Zähnen, wie sie auch die späteren Raubdinosaurier besaßen. Zu Lebzeiten von Batrachotomus und in seinem Ökosystem war seine Art jedoch die Einzige mit derartigen Zähnen in solcher Größe, so Mujal.
Biss das Urkrokodil mit seinem gewaltigen Kiefer zu, hinterließen die Zähne durch ihre gezackten Ränder typische parallele Einkerbungen auf den Knochen der Opfer. Diese feinen, teilweise kaum einen Millimeter tiefen Spuren sind auf den versteinerten Knochen über Jahrmillionen erhalten geblieben. Indem die Wissenschaftler die Abstände der Rillen vermaßen und mit den Zacken der Zähne verglichen, konnten sie Batrachotomus in vielen Fällen eindeutig als Täter überführen. Außerdem fanden sie manchmal tiefe Löcher in den Knochen, von denen sie Abgüsse anfertigten. Diese zeigten häufig dieselbe Form wie die Zähne von Batrachotomus.
Selbst der über sechs Meter große und über zwei Tonnen schwere Mastodonsaurus – die größte Amphibie, die jemals gelebt hat – war vor Batrachotomus nicht sicher, wie knöcherne Bissspuren belegen. Dabei war Mastodonsaurus alles andere als wehrlos. Mit seinem riesigen Maul, das fast ein Drittel seiner Körperlänge ausmachte, erbeutete der Lurch alles, was ihm in den trüben Sümpfen zu nahe kam. „Das bestätigt, dass Batrachotomus der Spitzenjäger des Ökosystems war“, betont Mujal. Zudem zeigt es, wie passend die Artbezeichnung gewählt wurde, die aus dem Griechischen übersetzt „Amphibien-Schlitzer“ bedeutet.





