Nunns Perspektive ist vornehmlich archäologisch, wie sich nicht nur im Kapitel „Archäologie im Vorderen Orient“ zeigt, sondern auch beim Überblick „Vom Neolithikum bis etwa 4 000 v. Chr.“ und bei den Themen „Architektur“ sowie „Bilder und Kunst“. Doch auch die Keilschrifttexte werden zum Sprechen gebracht, etwa in den Abschnitten „Menschen und Sprachen“ oder „Ausbildung und Arbeit“, denn hier geht es in erster Linie um Schrift und Schreiberausbildung. In den (reli‧gions)historischen Kapiteln greifen Ausgrabungsbefunde und Keilschriftphilologie in‧ein‧ander.
Zahlreiche neuere Forschungsergebnisse werden verarbeitet. So wird von einer lokalen Herkunft der Sumerer ausgegangen und die allerdings umstrittene These vertreten, dass die Muttersprache Schulgis, des bedeutendsten Königs der sumerischen „Ur III“-Dynastie, Babylonisch gewesen sei. Nunn stellt auch die Frage nach dem Umfang des keilschriftlichen Textkorpus – allein das babylonisch-assyrische Textkorpus hat nämlich denselben Umfang wie das des antiken Latein! Schön ist auch das Bild des sich mit dem Beginn der künstlichen Bewässerung von den Gebirgsrändern nach innen, in Richtung der Schwemmland-Tiefebene verschiebenden „Fruchtbaren Halbmonds“.
Auch wenn nicht jeder Fachforscher jede These mittragen wird (etwa die vom mit dem Gesicht in die Vergangenheit schauenden Menschen des Alten Orients, hinter der ein Missverständnis der sprachlichen Fakten steht) und die Darstellung in einigen Details diskussionswürdig ist, so kann das Buch als Ganzes allen am Alten Orient Interessierten empfohlen werden.
Rezension: Prof. Dr. Michael Streck




