Ältere Menschen denken langsamer als jüngere. Diese Annahme ist weit verbreitet und scheint von zahlreichen Studien untermauert zu werden. Die meisten davon basieren darauf, dass sie die Antwortgeschwindigkeit von Probanden unterschiedlichen Alters bei einfachen Entscheidungsaufgaben messen. Solche Studien haben gezeigt, dass Menschen Anfang 20 am schnellsten antworten und die Reaktionszeit ab diesem Alter nach und nach abnimmt.
Die Reaktionszeit ist zu ungenau
„Doch die mittlere Reaktionszeit ist kein direkter Messwert für die mentale Geschwindigkeit, sondern stellt die Summe unterschiedlicher kognitiver Prozesse dar“, erklärt ein Team um Mischa von Krause von der Universität Heidelberg. „Zur mittleren Reaktionszeit tragen außerdem unterschiedliche Kompromisse zwischen Geschwindigkeit und Genauigkeit bei, die sogenannte Reaktionsvorsicht, sowie die Zeit, die für die Kodierung der motorischen Prozesse benötigt wird. Beide Faktoren beeinflussen die Reaktionszeit, obwohl sie nicht mit der mentalen Geschwindigkeit in Verbindung stehen.“
Kleinere Studien haben diese unterschiedlichen Prozesse bereits getrennt untersucht und Hinweise darauf geliefert, dass es bei der mentalen Geschwindigkeit weniger Unterschiede zwischen jungen und alten Menschen gibt als gemeinhin angenommen. Allerdings hatten die meisten dieser Studien nur wenige Probanden, sodass ihre Aussagekraft begrenzt ist. Einer der Gründe dafür ist, dass der Rechenaufwand bei den entsprechenden statistischen Modellen so hoch ist, dass klassische Computer mit großen Gruppen von Probanden überfordert sind.
Assoziationstest als Datengrundlage
Um dieses Problem zu lösen, hat von Krauses Team einen Deep-Learning-Ansatz entwickelt, der auch bei Millionen von Probanden für jedes Individuum die jeweiligen Anteile an der Reaktionszeit statistisch modellieren kann. Einen entsprechend großen Datensatz erhielten die Forscher, indem sie öffentlich zugängliche Daten aus einem Test auswerteten, der eigentlich implizite rassistische Assoziationen erfassen soll. Bei diesem Test müssen Probanden wechselweise Wörter wie „Glück“, „Freude“, „Hass“ und „Versagen“ den Kategorien Gut oder Schlecht zuordnen, oder Gesichter den Kategorien Schwarz oder Weiß. Dabei ist mal die Antworttaste für „Gut“ die gleiche wie für „Weiß“ und „Schlecht“ die gleiche wie für „Schwarz“, mal andersherum.
Von Krause und sein Team interessierten sich jedoch nicht für mögliche unbewusste Vorurteile der Probanden, sondern lediglich für ihre Reaktionszeit. Der Datensatz umfasst Tests von Millionen von Probanden, die diese online absolviert hatten. Insgesamt werteten die Forscher Daten von fast 1,2 Millionen Teilnehmern im Alter zwischen zehn und 80 Jahren aus. Wie vorsichtig die Probanden bei ihrer Entscheidung waren, maßen sie anhand der Reaktionszeit im Verhältnis zu richtigen und falschen Antworten. Die Zeit, die allein für den Tastendruck anfiel, konnten sie ablesen, da Probanden in dem Test nach einer falschen Antwort aufgefordert werden, die jeweils andere Taste zu drücken – ein Prozess, der keine Entscheidung, sondern lediglich die motorische Reaktion erfordert.





