Das Bild der sogenannten Heldenjungfrauen ist in der zeitgenössischen Tagesliteratur ebenso wie in der späteren Geschichtsschreibung zwiespältig. Der Historiker Friedrich Förster der 1813/14 im Lützower Freicorps mitgekämpft hatte, versuchte 1856 in seiner “Geschichte der Befreiungskriege” das Verhalten der zu den Waffen eilenden Frauen damit zu legitimieren, daß sie “von der allgemeinen Begeisterung so weit fortgerissen (worden seien), daß sie unerkannt in die Reihen der Kämpfer traten und heldenmütig an der Seite der Tapfersten fochten und starben.”
Zur populärsten “Heldenjungfrau” avancierte bereits während der Freiheitskriege Eleonore Prochaska. Als 28jährige Tochter eines armen, invaliden Unteroffiziers aus Potsdam hatte sie seit April 1813 unter dem Namen August Renz als Infanterist bei den Lützowern mitgekämpft. Sie war am 16. September 1813 bei einem Gefecht in der Göhrde schwer verwundet worden und am 5. Oktober verstorben. Erst nach ihrer Verwundung wurde ihr Geschlecht entdeckt. Ein Bericht aus Danneberg, wo sie bis ihrem Tode gepflegt worden war, meldete am 7. Oktober ihre ehrenvolle militärische Bestattung und stilisierte sie zugleich erstmals zur “deutschen Jeanne d’Arc”, ein Ehrentitel der keiner anderen “Heldenjungfrau” zugestanden wurde. Wie die französische Nationalheldin sei sie den Märtyrertod für das Vaterland gestorben. Ein weiteres Indiz für die frühe Verherrlichung von Eleonore Prochaska ist ein anonymes Gedicht, das im Dezember 1813 in der “Preußischen Feld-Zeitung” abgedruckt wurde. Darin hieß es:
“Zur deutschen Jeanne d’Arc vom Schicksal auserkohren, Hebt ihre Brust sich hoch! Des Vaters stilles Haus Wird ihr zu eng und zu Höherem gebohren, Stürzt sie in die mit Krieg umzogne Welt hinaus … Du von der Nemesis, als Rächerin, zur großen, Zur Segensthat bestimmt, dem Dämon dieser Welt, Mit einer Corday Hand den Dolch ins Herz zu stoßen, Warst deutschen Männern du als Muster aufgestellt”
In ähnlicher Weise wurde sie in einer ganzen Reihe von zeitgenössischen Gedichten und Presseberichten verewigt, die durchgehend ihren Kampfgeist und ihren Mut den Jünglingen und Männern zum “Muster” empfahlen. Wie Eleonore Prochaska sollten sie “Herz und Blut” dem Vaterlande weihen. Das unausgesprochene Motiv für ihre Stilisierung zu einem Vorbild war die Hoffnung, daß dies die Jünglinge und Männer zu größeren Heldentaten anstacheln würde. Sie sollten sich als Mann beweisen, indem sie mehr Mut und Tapferkeit zeigten als die “Heldenjungfrau”, hatten sie doch außer dem Vaterland auch ihre Ehre als Mann zu verteidigen.
Während an Eleonore Prochaska im gesamten 19. Jahrhundert die Erinnerung wach gehalten wurde, da ihr Tod auf dem Schlachtfeld, ihre Stilisierung zu einer “deutschen Heldin” ohne nachhaltigen Schaden für die Geschlechterordnung möglich machte – in der “Gartenlaube” von 1865 erschien beispielsweise der Artikel “Eine deutsche Amazone. Erinnerungen aus den Freiheitskriegen” –, gerieten die meisten anderen öffentlich bekannt gewordenen “Helden-jungfrauen”, die den Krieg überlebten, schnell in Vergessenheit. Sie eigneten sich nicht zu einer Mythisierung. Zu ihnen gehörte die 19jährige Mecklenburger Bauerntochter Friederike Krüger, die sich im April 1813 als August Lübeck dem Infanterieregiment Kolberg anschloß. Nach ihrer schnellen Entdeckung als Frau konnte sie mit Genehmigung der Generalität und geschützt von den Offizieren weiter bei der kämpfenden Truppe bleiben, stieg dort zum Unteroffizier auf und wurde erst nach dem zweiten Kriegszug, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz und dem russischen St. Georgs-Orden, aus der preußischen Armee entlassen.





