Von Rolf Heßbrügge
Alljährlich im Oktober ist es so weit: Während der „Fat Bear Week“ dürfen Internet-User auf der Website des Katmai-Nationalparks (US-Bundesstaat Alaska) über den dicksten Braunbären abstimmen. Als Bewertungsgrundlage dienen herbstliche Wildkamera-Fotos. Der Zeitpunkt für den „Wettbewerb“ ist nicht zufällig gewählt, denn in der ersten Oktoberhälfte erreicht die Körpermasse der Braunbären in Alaska naturgemäß ihren Höchststand. Kurz darauf verabschieden sich die großen Allesfresser mit einem Körperfettanteil von rund 30 Prozent in den bis zu achtmonatigen Winterschlaf – oder doch nicht?
Claudia Bieber, Leiterin des Wiener Forschungsinstituts für Wildtierkunde und Ökologie an der Veterinärmedizinischen Hochschule Wien (VetMed), schmunzelt. „Früher galt die wissenschaftliche Auffassung: Braunbären, aber auch Dachse oder Waschbären, halten lediglich Winterruhe, keinen echten Winterschlaf“, erklärt die Biologin einen feinen, aber inzwischen verworfenen Unterschied: „Hauptkriterium zur Unterscheidung zwischen Winterschlaf und Winterruhe war der Grad der Körpertemperaturabsenkung. Anders als manche Kleinsäuger – etwa Fledermäuse –, die ihre Körpertemperatur während des Winterschlafs auf nahe null runterfahren, senken Bären ihre Körpertemperatur nur um etwa fünf Grad von 37 auf 32.“ Zudem richten sich die Pelzträger alle paar Tage kurz auf und strecken ihre steifen Glieder.
Doch inzwischen zählt, dass auch Bären in einen Zustand tiefster Inaktivität fallen, den die Wissenschaft Torpor nennt. Das ist lateinisch für: Erstarrung oder Betäubung. Haselmäuse etwa atmen während des Winterschlafs nur noch alle fünf Minuten, ein Igelherz schlägt statt 200-mal pro Minute bloß noch fünfmal. Ist ein solches Leben am Rand des physiologischen Existenzminimums wirklich erholsam? „Nein, der Winterschlaf hat mit dem, was wir unter Schlaf verstehen, nichts zu tun“, erklärt Claudia Bieber. Vielmehr sei davon auszugehen, dass Tiere im Winterschlaf sogar „unter einem Schlafmangel leiden, da sie in Phasen tiefer Körpertemperatur gar nicht tief, sprich: regenerativ schlafen können“. Winterschlaf, so die gängige wissenschaftliche Auffassung, dient nur diesem einen Zweck: sich dem Hungertod in der kalten und kargen Jahreszeit zu entziehen.
Flucht vor dem Nahrungsmangel
Die Braunbären im Katmai-Nationalpark ernähren sich vorwiegend von Gräsern, Beeren, Nüssen, Wurzeln, Pilzen oder Lachsen. All das ist im Winter in Alaska kaum zu kriegen. Würden sich die bis zu 600 Kilo schweren Tiere auf schneebedecktem Boden auf die Jagd nach Fleisch begeben, wäre der Ertrag in Kalorien vermutlich geringer als der Aufwand.
Die Auszeit der Bären richtet sich nach der Länge des Winters. Im wesentlich milderen Mittel- und Südosteuropa halten Braunbärenmännchen maximal vier bis fünf Monate Winterschlaf (zwischen November und März), deutlich kürzer als in Alaska. Die Weibchen bringen bereits im Januar Junge zur Welt. In Zoos, wo das Nahrungsangebot ganzjährig stabil ist, halten Braunbären sogar überhaupt keinen Winterschlaf.





